Lepusculus domini, erotic hare, Meister Lampe : Zur Rolle des Hasen in der Kulturgeschichte

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Die vorliegende Untersuchung der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Hasen beginnt in prähistorischer Zeit. Älteste archäologische Zeugnisse stammen aus der jüngeren Altsteinzeit. Neben der Darstellung des Hasen an einer Felswand in der Höhle von Gabillou in Frankreich finden sich Beispiele paläolithischer Kleinkunst in Form von Gravierungen sowie als Tierplastik im Höhlensystem von Isturitz. Diese Bildnisse des Hasen vermitteln einen Eindruck faszinierend-genauer Naturbeobachtung der Paläolithiker und deren intellektueller Fähigkeit, ihre Umgebung kognitiv zu erfassen und im Symbol umzusetzen. Deuten im Paläolithikum archäologische Fundzusammenhänge eines fragmentarisch erhaltenen Werkstückes mit der Darstellung des Hasen lediglich auf religiöse Haltungen und kultische Handlungen der Eiszeitmenschen hin, konnte einer der bezeichnendsten und bedeutungsvollsten Bestandteile des Kultes, nämlich das Tieropfer, in Verbindung mit dem Nachweis der rituellen Totenbehandlung in der Jungsteinzeit aufgezeigt werden. In diesem Sinne weist der Fundkontext des Hasen in einem Hockergrab auf die absichtliche Deponierung des Tierkörpers als Speisebeigabe für den Bestatteten hin. Afrikanische Felsbilder neolithischen Ursprungs liefern weitere historische Dokumente mit treffend wiedergegebenen stilisierten Hasen sowie der Darstellung des Tieres in Form einer anthropomorphen Gestalt. Funde aus der Kupferzeit des kleinasiatischen Kulturraums stammen vor allem aus dem Bereich der Glyptik und bekunden durch die Interpretation der Bildflächen verschiedener Stempel- und Rollsiegel die Rolle des Hasen, die er als heiliges Tier in der religiös-mythischen Vorstellungswelt der Hethiter einnahm.Bezüglich der Bedeutung des Tieres in geschichtlicher Zeit gilt das Interesse zunächst seiner Stellung im tiergestaltigen Kosmos der ägyptischen Hochkultur. Einige Bilderzyklen aus Gräbern in Theben bestätigen, dass die Ägypter einen durchaus alltäglichen Umgang mit dem Wüstenhasen als jagdbares Tier pflegten, wobei die szenischen Darstellungen des Alltagslebens in Form von Grabmalereien den Verstorbenen begleiten und erfreuen sollten. Allgegenwärtig war die Gestalt des Hasen im alten Ägypten auch in der Hieroglyphenschrift und zwar als Mehrkonsonantenzeichen mit dem festgelegten Lautwert 'wn', der im Sinne eines Hilfsverbs mit 'sein' und 'öffnen' zu übersetzen ist. Die Häsin als Attribut der Gottheit 'Unut', der Patronin des 15. oberägyptischen Gaus dürfte als weibliche Gestalt im Pantheon der ägyptischen Mythologie das Prinzip der Fruchtbarkeit vertreten haben. Dargestellt wird in diesem Zusammenhang auch die in Forscherkreisen umstrittene kultische Bedeutung des Hasen in Bezug auf den ägyptischen Gott 'Osiris' sowie seine Verbindung zu 'Thot', dem Gott des Mondes, der in der Historie sekundär durch veränderte religiöse Glaubensvorstellungen die göttliche Führungsrolle im 15. oberägyptischen Gau einnahm. Die im ägyptischen Kulturkreis angeklungene Verbundenheit zwischen Hase und Mond durchzieht auch entsprechende Überlieferungen aus verschiedenen Teilen der Welt, wobei nicht nur eine visuelle Deutung der Mondflecke als Hasenumriss den assoziativen Erzählungen zugrunde liegt. Anhand der Texte lässt sich vielmehr ableiten, dass der Hase als lunares Symbol unterschiedliche Sinngehalte impliziert. Die Interpretation verschiedener Tradierungen aus dem Orient lassen ihn in erster Linie als ein Sinnbild der Selbstaufopferung erkennen, er erhält jedoch indirekt weitere Symboleigenschaften dadurch, dass der Mond selbst im magischen und bildhaft-religiösen Denken asiatischer Völker eine besondere Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund symbolisiert der Hase hauptsächlich Fruchtbarkeit, Wiedergeburt und Auferstehung. Im chinesischen Schrifttum wird zudem der Farbe des Tieres eine besondere Bedeutung beigemessen. So verkörpern weiße und rote Hasen Göttlichkeit und stehen sinnbildlich für Frieden und Wohlstand, während schwarzgefärbte Hasen das 'Licht in der Finsternis' repräsentieren. In altmexikanischen Bilderhandschriften ist der Hase ebenfalls als lunares Symboltier, ja als besonderes Zeichen der Mondgötter, welche Wachstum bedingen und reiche Ernte versprechen, nachgewiesen. Überlieferungen aus dem Bereich der Mythologie nordamerikanischer Indianerstämme dokumentieren den Glauben der amerikanischen Ureinwohner an die Rolle des Hasen als Schöpfer der Welt, von Sonne und Mond und als Herrscher über den Wind. Unter dem Aspekt eines Kulturheros wird der 'Große Hase' als Wächter über die Nationen sowie als Begründer und Schutzheiliger der religiösen Stammesrituale verehrt. In der Tradierung nordamerikanischer Märchen dominiert die Vorstellung vom Hasen als listiges, schnelles Tier. Afrikanische Erzählungen geben dagegen eher das Bild eines trickreichen aber furchtsamen Geschöpfes wieder. Als eng verknüpft mit der Geistes-, und Vorstellungswelt bestimmter Kulturkreise sind auch die aufgeführten unterschiedlichen Sagen zu werten, die sich um das Sternbild des Hasen ranken. Mit einer Konstellation aus etwa zwanzig Einzelsternen vervollständigt der Hase neben Orion, dem Großen und dem Kleinen Hund die Jagd am Firmament. Durch seine Position 'zu Füßen' des Jägers wird er in den Sternsagen im Allgemeinen als Jagdwild gedeutet. Seine Versetzung an den Himmel verdankt er in einigen Erzählungen jedoch auch seinen zugeschriebenen Eigenschaften, wie Fruchtbarkeit oder Schnelligkeit. Die tradierte Fruchtbarkeit, der Geschlechtstrieb und die Fortpflanzungsfähigkeit des Tieres, welche antike Autoren ausführlich schildern, ist denn auch bezeichnend für seine Rolle in der griechisch-römischen Mythologie. Als 'animal salacissimum' wird er zum heiligen Tier der Göttin Aphrodite, zum Attribut von Eros und aufgrund gemeinsamer erotischer Komponenten zum Spielgefährten von Satyrn, Silenen und Mänaden. Aufgrund entsprechender Analogien gehört der Hase auch untrennbar zum Gefolge des Dionysos und kennzeichnet, in den bacchischen Bilderkreis eingegliedert, die sinnenfrohe, heitere und zwanglose Welt. Sein aphrodisisches Wesensmerkmal, seine offenkundige Symbolik für Lebenslust und Verliebtheit führte darüber hinaus dazu, sein Wesen mit der Kraft des Liebeszaubers auszustatten, ihn als klares Symbol der Liebe zu betrachten. Die Bedeutung dieses 'erotic hare' und dessen sinnbildliche Verbindung mit Göttern und mythischen Gestalten kann anhand von Bildwerken ebenso verdeutlicht werden, wie die Destination als symbolisches Geschenk im Zusammenhang mit der Liebeswerbung. Aus Bildzeugnissen ist zudem ersichtlich, dass der Hase neben seiner prävalenten Rolle als Liebessymbol naturgemäß auch als Symbolfigur für Schnelligkeit sowie als Attribut der personifizierten Jahreszeiten Herbst und Winter gesehen wurde. Literarische und bildliche Überlieferungen weisen außerdem auf seine Beliebtheit als Nahrungsmittel hin und zeugen in ihrer Vielzahl von der Leidenschaft für die Hasenjagd in der Antike, deren Bedeutsamkeit im Zusammenhang mit den seinerzeit praktizierten Jagdmethoden aufgezeigt wird. Im Rahmen der Schilderung der natürlichen Feinde des Hasen ist dargelegt, dass das Motiv des Hasen schlagenden Adlers Symbolcharakter besitzt und als stolzes Zeichen des Sieges und der Macht interpretiert werden kann. Aus Belegen der motivischen Umsetzung in der klassischen Literatur konnte zudem die Verbindung zwischen Artemis, der Göttin der Wildnis und Gebieterin über Leben und Tod und der Häsin als schutzbefohlenem Tier nachgewiesen werden. Modifiziert in ihrem Wesen und mythologisch mit der römischen Jagdgottheit Diana vereinigt, wurde die Herrin der Tiere zur reinen Göttin der Jagd, der mit Opfergaben, wie etwa dem Hasen als Jagdbeute, gehuldigt wurde. Bedeutend war das Tier im alltäglichen Leben jedoch nicht nur als Jagdwild, vielgestaltig war auch die Verwendung fast aller Teile des Hasen zu therapeutischen Zwecken im Bereich der Volksmedizin sowie seine Anwendung in der magischen Heilkunst. Divergierend zu der beschriebenen Wertschätzung im griechisch-römischen Kulturkreis ist die Bewertung des Hasen im Judentum. Als Grundlage zur Beurteilung dienen im jüdischen Glauben zwei Bibelstellen des Alten Testaments. Im Pentateuch wird er im Buch Levitikus zu den unreinen Tieren gezählt, da er nur einem der beiden mosaischen Reinheitskriterien für essbare Tiere entspricht. Des Weiteren ist ein ausdrückliches Verbot für den Genuss von Hasenfleisch im Buch Deuteronomium verankert.Diese systematische Einordnung des Hasen in der Heiligen Schrift wird durch Moraltheologen seit jeher kontrovers kommentiert und diskutiert, da einerseits eine naturwissenschaftlich offensichtlich falsche Zuordnung des Hasen zu den Wiederkäuern im Bibeltext festgelegt ist, andererseits die Einteilung der Tiere überhaupt sowie der Zweck der Reinheits- und Speisegesetze Anlass zu den unterschiedlichsten theologischen Exegesen gibt. Der Fragestellung zur hintergründigen Motivation sind verschiedene Theorien gewidmet. Demnach würde der Hase entweder in der Tradition der allegorischen Auslegung als Sinnbild der Furchtsamkeit und der 'Geilheit' zu den unreinen Tieren gezählt, während reine Tiere die Tugenden widerspiegelten, wäre auf der Basis eines totemistischen Hintergrunds als ehemaliges Totem eines Volksstammes tabu, oder hätte als vormals heiliges Tier einem fremdem Kult angehört, was die Grundlage des späteren Verbotes ausmachte. Nicht auszuschließen sind zudem ernährungspraktische, ökologische sowie ökonomische Zwänge, welche zur Einschränkung des Speiseplans geführt haben könnten. Zugang zur Deutung des Hasensymbols im Christentum vermitteln neben Schriften der Kirchengelehrten vor allem zwei Textstellen der Bibel aus dem Neuen Testament, welche maßgeblich den Symbolgehalt bestimmen. Patristische Untersuchungen der griechischen und lateinischen Exegese liefern bis in die Neuzeit hinein verschiedene Ansätze zur Auslegung der Bibeltexte, übereinstimmend lassen sie jedoch den Schluss zu, dass der Hase ursprünglich allgemein auf den in seinen Leiden und Sünden verstrickten Heiden, vor allem auf den Katechumenen gedeutet werden kann, der zum Glauben findet, zu Christus kommt. Interessanterweise wird Moses in einem Schrifttext des Kirchenvaters Hieronymus explizit als 'lepusculus domini' bezeichnet und wäre demnach katexochen der Katechumene des Herrn. In der Patristik symbolisiert das Tier aber auch den Sünder, den schwachen Christen oder den schlichten Frommen, der beim Fels Christus, der Kirche, Zuflucht nimmt. Abermals wurde der Weißfärbung des Hasen besondere Bedeutung beigemessen, indem der Mailänder Bischof Ambrosius darin ein Sinnbild für Wandlung und für die Auferstehung sah. Das fortdauernde ambivalente Gepräge des Tieres im Mittelalter, die koexistente Betrachtung seines realen Lebens verbunden mit einem implizierten religiösen bzw. allegorischen Sinngehalt, kann jedoch nicht nur auf biblische Traditionen zurückgeführt werden. Einfluss auf die Tiervorstellungen des Abendlandes nahm insbesondere auch der 'Physiologus', ein theologisch-naturkundliches Werk, das als eine Art 'Volksbuch' der Urchristenheit mit seinen bildhaft symbolischen Interpretationen der Erscheinungsformen real existierender Tiere und Fabelwesen sowie seinen Gleichnissen für das Wirken Gottes noch tausend Jahre nach seiner Entstehung um ca. 200 n. Chr. eine Rolle spielte.Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass ganz besonders auch die Darstellungen von Tieren gleichnishaft verstanden wurden. Dem Bild des Hasen kommt demgemäss in der mittelalterlichen und nachmittelalterlichen Ikonographie ebenfalls eine verschiedenartige symbolische Bedeutung zu. In diesem Sinne wurde auf die Symbolik der 'Drei-Hasen-Bilder' eingegangen, welche auf der Ebene der christlichen Tradition überwiegend als Sinnbild der Dreifaltigkeit Auslegung fanden. Daneben wurde das Motiv aber auch als Blitzzeichen gesehen, in Anbetracht der nachgewiesenen Vierpassmedallions als künstlerische Variante in der Ornamentik aufgefasst oder mythologisiert als kreisende Bewegung des Mondes verstanden. In weiteren Ursprungsbestimmungen wurden Beziehungen zur Zeitordnung, zum Würfelspiel oder zum Osterbrauchtum nachgewiesen. Ikonographische Deutungen hat das Tier weiterhin auch im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Kunstwerken erfahren, die es gemeinsam mit Christus, Maria oder der Heiligen Familie als Hauptmotiv zeigen. Als künstlerisches Detail hinsichtlich der christologischen Symbolik ist der Hase als Sinnbild des verfolgten Herrn, allegorisch für der Auferstehung und als Füllmotiv interpretiert worden. In Verbindung mit Themen aus dem Leben der Gottesmutter ist er mehrmals als Requisit beim Sujet der Heimsuchung zu sehen und hierbei als Symbol gesegneter Fruchtbarkeit zu werten oder er bringt als Spieltier in venezianischen Hirtenstücken die harmonische Übereinstimmung von Mensch und Natur zum Ausdruck. Synonym seiner Bedeutung als Fruchtbarkeitssymbol auf den Marienbildern erscheint der Hase auch als künstlerische Beigabe im Zusammenhang mit dem Motiv der Heiligen Sippe. Neben den mittelalterlichen Gemälden, die ikonographisch eine Anspielung auf die Fruchtbarkeit spendende Natur dokumentieren, sind andere vorhanden, in denen das Tier als Symbolfigur für menschliche Laster fungiert. Als Verkörperung des sanguinischen, heißblütigen Temperaments und damit zugleich des Lasters der Luxuria, der Unkeuschheit, ist er häufig auf Bildern des Sündenfalls dargestellt. Seine Präsenz auf religiösen Historienbildern, die Impressionen von sinnlicher Begierde zum Ausdruck bringen, ist ebenso auf das ihm zugeschriebene erotische Gepräge zurückzuführen, wie etwa seine Anwesenheit bei der personifizierten Darstellung der Ausschweifung. Moralisierende, sozialkritische Absichten können für die in Bilder umgesetzte 'Verkehrte Welt' angenommen werden. Unter den burlesken bzw. grotesken Szenen, die sich vielgestaltig als marginale Zeichnungen in mittelalterlichen Handschriften wiederfinden, ist das Motiv des Hasen mit menschlicher Beute als widersinniges Jagdgeschehen keine Seltenheit. Als einzigartig hat sich dagegen der allegorisch komponierte Jagdfries an der Stiftskirche in Königslutter erwiesen, zu dessen Bildprogramm ebenfalls Hasen mit einem besiegten Jäger gehören. Neben den sinnbildlich aufzufassenden Jagddarstellungen konnten zahlreiche literarische und bildliche Dokumente zusammengestellt werden, die den Hasen als genuines Jagdwild wiedergeben. Zeugnis vom praktischen Umgang mit ihm als jagdbares Wildtier legte im 14. Jahrhundert Gaston Phoebus in seinem literarischen Lebenswerk, dem 'Livre de la Chasse' ab, in dem er alle ihm bekannten Methoden der höfischen Hasenjagd beschrieb. Weitere nachgewiesene Bilddokumente des mittelalterlichen Waidwerkes finden sich im Zusammenhang mit den farbenprächtigen Miniaturen der 'Autorenporträts' im Codex Manesse sowie in Form von Episodendarstellungen des Alltagslebens in liturgischen Büchern. Aus dem frühen 15. Jahrhundert stammt die erste bedeutende Jagdszene in der Tafelmalerei, welche ebenfalls eine Hasenhetze vor Augen führt. Waren die Jagdgeschehen auf den Gemälden zunächst eher beiläufig integriert, so zeichnete sich in den 30er und 40er Jahren des 15. Jahrhunderts in Deutschland eine intensive Auseinandersetzung mit dem Naturvorbild und eine Vorliebe für die naturalistische Tierdarstellung ab, wobei der Werdegang der Tierstudie mit Dürers berühmtem Aquarell der 'Feldhase' aus dem Jahr 1502 zweifellos einen Höhepunkt erreichte, an den bis ins frühe 17. Jahrhundert Dürer-Kopisten mit einer Vielzahl von Reproduktionen anknüpften. Aus Dürers Tierdarstellungen entwickelte sich aber auch um die Mitte des 16. Jahrhunderts die zoologische Illustration in den Tierbüchern, die effektiv mit der Erfindung des Buchdruckes einsetzen konnte. Als eines der bedeutendsten Werke der Renaissancezoologie kann das enzyklopädische Tierbuch von Conrad Gesner, die 'Historia animalium', angesehen werden, das mit seiner umfassenden naturhistorischen Beschreibung der Tierwelt wissenschaftsgeschichtlich eine Zusammenschau darstellt. Ergänzend zum Text enthält das Werk zahlreiche Holzschnitte, die das jeweils beschriebene Tier im graphischen Schema seiner Artmerkmale abbilden. In Bezug auf den Hasen enthält das Tierbuch neben umfangreichen kompilatorischen Schilderungen literarisch tradierter Eigenschaften mehrere Seiten, auf denen die Gewinnung von Heilmitten aus sämtlichen Teilen des Tieres und deren volksmedizinische Verwendung angegeben sind sowie eine Rubrik über den fabelhaften 'Lepus cornutus', den gehörnten Hasen, dessen Existenz als kuriose Naturseltenheit fortan noch jahrhundertelang in der Naturgeschichte und Jagdliteratur überliefert wurde. Neben der Methodik der literarisch-enzyklopädischen Weitergabe entwickelte sich auf der Grundlage tradierter Vorstellungen auch die Emblematik als eine neu geschaffene Kunstform der Renaissance und des Barockzeitalters. Als Schöpfer der Gattung der Embleme gilt Andrea Alciati, dessen entworfene Sinnbilder und Epigramme 1531 in dem 'Emblematum liber' erscheinen. Alciatis charakteristischer, dreiteiliger Anlage des Emblems, mit einer jeweiligen Inscriptio, Pictura und Descriptio, welche die Doppelfunktion des Darstellens und Deutens, des Abbildens und Auslegens übernehmen, gleicht der Aufbau unzähliger Emblembücher, die auf das 'Emblematum liber' folgen. Abermals inspirierten überlieferte Anschauungen wie die übermäßige Fruchtbarkeit der Häsin oder die Vorstellung vom Hasen, der mit offenen Augen schlafen soll, zur emblematischen Gestaltungskunst. In den Kontext der sinnbildlichen Deutung des Tiergeschehens gehört auch die Tierfabel, die zu den ältesten, illustrierten Gattungen der Weltliteratur zählt und als deren Urschöpfer Aesop angesehen wird. Kennzeichnenderweise stellt die Fabel als Tierdichtung nicht nur eine kurze Erzählung dar, in der sprechende Tiere menschliche Verhaltensweisen verkörpern, sondern sie enthält auch eine, aus der Geschichte abzuleitende praktische Lebensweisheit bzw. eine moralische Belehrung als Quintessenz des Stoffes. Anhand einiger Beispiele aus der allegorisch-didaktischen Fabelliteratur wird aufgezeigt, wie der Hase mit seinen tradierten physischen und psychischen Eigenschaften, beispielsweise Schnelligkeit und Furchtsamkeit, ganz selbstverständlich als Akteur innerhalb der Tierkonstellationen der Fabel auftritt. Dies gilt insbesondere auch für das inhaltlich auf den aesopischen Fabelkorpus und die Struktur des Emblems aufbauende Fabelwerk des Jean de La Fontaine, das 1668 erschien und zu den Hauptwerken der französischen Klassik zählt. Besondere Bedeutung erhält die Fabelsammlung La Fontaines nicht zuletzt auch wegen der bis in die Neuzeit hinein reichenden, kaum unterbrochenen Tradition der Edition sorgfältig illustrierter Ausgaben, zu deren Höhepunkten im 19. Jahrhundert eine von Grandville ausgestattete Auflage zählt. Die Form der Tier-Mensch-Karikatur, für die Grandville so berühmt ist, lässt sich hinsichtlich des Hasen weniger bei der Bebilderung von La Fontaines Fabeln nachweisen, am deutlichsten tritt sie im Zusammenhang mit seinen Lithographien der 'Métamorphoses du jour' auf, einer beißenden Satire auf die Sitten der französischen bzw. der Pariser Gesellschaft aus dem Jahr 1829. Unter der Maske einer Vermenschlichung der Tierwelt mit feststehenden Helden, ihnen zugewiesenen Eigenschaften und Handlungsmustern, entfaltete sich die parodistische sozialsatirische Epik auch in der Tradition des Tierepos, zu dessen Tierpersönlichkeiten einmal mehr der Hase, im Epos 'Meister Lampe' genannt, zählt. Zunächst wird die literarische Entwicklung des verbreitetsten Tierepos des europäischen Mittelalters, des romanhaften 'Reineke Fuchs', von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zu Goethes Versepos von 1794 skizziert, um schließlich anhand der von Wilhelm von Kaulbach illustrierten Reineke Fuchs Ausgabe aus dem Jahr 1846 die eigentliche Handlung des Reineke-Corpus und das Schicksal Lampes in Goethes Werk nachzuzeichnen. Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass der Hase in vielen Kleinformen der Volksliteratur von Bedeutung ist und in diesem Sinne eine außergewöhnliche Rolle im Volksaberglauben spielt. Neben der Vorstellung von geisterhaften Geschöpfen, dämonischen Zauberwesen und Hexen in Hasengestalt, ist im Aberglauben insbesondere die Überzeugung verankert, dass durch das Erscheinen dieses Tieres Unglück, Krankheit, Tod und Feuerbrunst angekündigt werden. Die Hintergründe für die Popularität, die der Osterhase als Eierbringer im Brauchtum Deutschlands erlangte, wurden in einem weiteren Kapitel erörtert. Neben Erklärungen zum Ursprung der heutigen Volkssitten, die sich an das Osterei knüpfen, wurden im Rahmen der Überlegungen zur Frage nach Herkunft und ursprünglicher Bedeutung des volkstümlichen Osterhasen rationalistisch-ökonomische Erklärungen, mythologische Zusammenhänge sowie symbolische Deutungen wiedergegeben. Die behandelten Themenkreise ergänzend, wurde abschließend auf die gegenwärtige Bestandsituation des Feldhasen eingegangen, wobei die Frage nach der Ursache des seit mehreren Jahrzehnten bundesweit zu beobachtenden Populationsrückgangs dieser Niederwildart ein Kernthema des Abschnittes darstellte. Vor dem Hintergrund der Annahme, dass ein multifaktorielles Gefüge für den Rückgang der Hasenbesätze verantwortlich zu sein scheint, werden verschiedene Umweltbedingungen wie Veränderungen des Klimas, der Landschaft sowie der Dichte der Beutegreifer diskutiert.

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Wettenberg : VVB Laufersweiler 2005

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