Untersuchungen zur Reproduktionsdynamik beim mitteleuropäischen Wildschwein
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Zusammenfassung
Das Reproduktionsgeschehen beim europäischen Schwarzwild unterliegt in den letzten Jahren deutlichen Veränderungen. Einerseits häufen sich die Berichte über ganzjährig zu beobachtende Frischlinge, andererseits werden im zunehmenden Maße sehr junge, bereits Frischlinge führende Bachen gesichtet. Diese Faktoren scheinen zu dem merklichen Anstieg der Schwarzwildpopulation beizutragen, der hinsichtlich der entstehenden wirtschaftlichen Schäden und der öffentlichen Aufmerksamkeit ein nicht unerhebliches Ausmaß angenommen hat. Die vorliegende Studie hatte zum Ziel, einen Beitrag zum Verständnis der Reproduktionstätigkeit der wildlebenden Schwarzwildpopulation insbesondere im Hinblick auf die möglichen Veränderungen zu leisten. Von besonderem Interesse waren in diesem Zusammenhang die Saisonalität und die Beteiligung von Jungtieren an der Reproduktion beim Schwarzwild: Das Postulat einer strengen Saisonalität erscheint, ebenso wie die Annahme, dass lediglich Tiere mit einem Lebensalter von über einem Jahr dazu in der Lage sind, reproduktiv tätig zu sein, vor dem Hintergrund sich häufender, gegenteiliger Beobachtungen nicht mehr haltbar. Insgesamt 499 Wildschweine beiderlei Geschlechtes und aller Altersgruppen wurden in die Studie einbezogen. Die Wildschweine wurden an 24 Jagdterminen in 21 Mittelgebirgsrevieren in Rheinland-Pfalz und Hessen in der Drückjagdsaison von Oktober 2003 bis Januar 2004 jagdlich erlegt. Als für die Untersuchung uneingeschränkt verwertbar erwiesen sich 475 Tiere, die zu annähernd gleichen Teilen männlichen (n=220) und weiblichen (n=255) Geschlechtes waren. Noch an der Strecke wurde anhand der Zahnformel eine monatsgenaue Altersbestimmung aller Tiere bis zu einem Lebensalter von 2 Jahren durchgeführt, ältere Wildschweine wurden als Adulte zusammengefasst.Das Wiegen der Wildkörper erfolgte mittels einer Federwaage im ausgenommenen und weitgehend entbluteten Zustand. Mittels Schiebelehre und Maßbändern wurden unterschiedliche Parameter an den Wildkörpern vermessen und dokumentiert, wobei besonderes Augenmerk auf die Erhebung der individuellen körperlichen Konstitution mittels Messung der subkutanen Fettschicht gelegt wurde. Die Reproduktionsorgane wurden, ebenso wie eine Blutprobe, asserviert und zur weiteren Bearbeitung innerhalb von 24 Stunden nach Erlegung an die Klinik verbracht. Hier erfolgte eine Vermessung und Wiegung der jeweiligen Reproduktionsorgane sowie eine makroskopische Untersuchung derselben. Sichtbare Funktionskörper an den Ovarien wurden identifiziert, ausgezählt und vermessen. Jeweils eine Gewebeprobe aus Hoden und Nebenhoden wurde zur histologischen Untersuchung gewonnen, fixiert und eingebettet, um histologische Schnittpräparate anzufertigen, zu färben und hinsichtlich des Zellbildes auszuwerten. Die Blutproben männlicher Wildschweine wurden abzentrifugiert und das Serum zur Testosteronbestimmung nach Extraktion einem etablierten radioimmunologischen Messverfahren (RIA) zugeführt.Die Datenauswertung erfolgte mittels Students t-test und Chi2-Test. Hinsichtlich der Saisonalität der Reproduktion beim Wildschwein konnte festgestellt werden, dass, abweichend von den Literaturangaben, eine strenge Saisonalität nicht existiert. Bei 427 Sauen mit einem Lebensalter von weniger als 2 Jahren konnte anhand der Zahnformel der Geburtsmonat berechnet werden und es zeigte sich, dass in jedem Monat Frischlinge geboren worden waren. Die ermittelte Geburtenrate in der Hauptfrischzeit (März bis Mai) lag signifikant (p<0,05) unterhalb der in der Literatur genannten. Regional war ein dreigipfeliger Verlauf der Geburtenhäufigkeit mit jeweiligen peaks in den Monaten April, August und Dezember zu verzeichnen. Anhand der makroskopischen Untersuchung der Reproduktionsorgane von 167 weiblichen Wildschweinen, die die Geschlechtsreife erreicht hatten, konnte festgestellt werden, dass 89 Tiere (53,3%) entweder gravid waren, Follikel mit einem Durchmesser von mehr als 6 mm oder frische Corpora lutea aufwiesen und somit am Reproduktionsgeschehen teilhaben konnten. Getrennt nach Altersgruppen betraf dies 71,4% der adulten Bachen, 60,9% der weiblichen Überläufer und 36,8% der Frischlingsbachen. Mit zunehmendem Lebensalter, beginnend ab dem siebten Lebensmonat bis zu einem Jahr, steigt der Anteil der sexuell reifen Frischlingsbachen signifikant (p<0,001) an: Während lediglich ein Fünftel der weibliche Frischlinge bis zum siebten Lebensmonat Funktionskörper auf den Ovarien aufwies, betrug dieser Anteil im 12. Lebensmonat bereits mehr als 68%. Die individuelle Konstitution, gemessen an der Feistdicke, hatte bei Frischlingsbachen einen signifikanten (p<0,05) Einfluß auf die ovarielle Aktivität: Wenn auch lediglich bei 45,8% der gut konditionierten Tiere insgesamt Funktionskörper auf den Ovarien zu finden waren, so betrug dieser Anteil bei mäßig genährten Frischlingsbachen nur 15%. Zur Beurteilung des sexuellen Reifegrades männlicher Wildschweine wurde anhand der histologischen Untersuchung von Hoden- und Nebenhodengewebe und der korrespondierenden Serumtestosteronspiegel von 145 Tieren eine Klassifizierung in vier Maturitätsklassen vorgenommen. Es zeigte sich eine signifikante Korrelation (p<0,05) zwischen histologischen Befunden und mittleren Serumtestosteronkonzentrationen. Ab einem Grenzwert der Serumtestosteronkonzentration von 0,07 ng/ml finden sich histologische Differenzierungsvorgänge im Hodenparenchym, die auf den Beginn der Pubertät hindeuten. Bis zur Vollendung des neunten Lebensmonates waren bei 60% der männlichen Frischlinge, bei Vollendung des ersten Lebensjahres in 80% der Fälle Anzeichen des Pubertätseintrittes festzustellen. Differenzierte Spermatiden als morphologisches Korrelat der eingetretenen Zeugungsfähigkeit waren im 9. Lebensmonat bei 20%, bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres bei mehr als einem Drittel, nach Ablauf des 13. Lebensmonates regelmäßig bei männlichen Wildschweinen nachzuweisen.Auch bei männlichen Frischlingen ist die körperliche Konstitution mit dem Eintritt in die Pubertät korreliert. Gutgenährte männliche Frischlinge im Alter von 6 bis 8 Monaten erreichten mit 56% signifikant häufiger (p<0,05) einen peripubertären Status als mäßig konditionierte Individuen der gleichen Altersklasse (24%). Eine Möglichkeit zur Einschätzung des Maturitätsgrades männlicher Frischlinge ist in der Korrelation des Gonadengewichtes zur Masse des Wildkörpers gegeben: Bei 185 dahingehend untersuchten Tieren konnte festgestellt werden, dass die relative Gonadenmasse (Summe der Gewichte beider Hoden und Nebenhoden) in Bezug zur Wildkörpermasse bei Frischlingen der Maturitätsklasse 1 durchschnittlich 0,1% beträgt, etwa 0,2% in der Maturitätsklasse 2. Zeugungsbereite Frischlinge der Maturitätsklasse 3 wiesen ein relatives Gonadengewicht von 0,61% auf, mature Keiler von durchschnittlich 0,82%. Fazit Beide der Studie zugrunde liegende Arbeitsthesen konnten durch die gewonnenen Erkenntnisse bestätigt und somit die empirischen Beobachtungen mit wissenschaftlichen Methoden belegt werden. Die strenge Saisonalität der Reproduktion des europäischen Wildschweines mit einer Frischzeit in den Monaten März bis Mai ist anhand des eigenen Untersuchungsgutes nicht nachzuvollziehen. Wenn auch eine gewisse Häufung der Frischtermine in den genannten Monaten zu verzeichnen ist, so werden weitere Spitzenwerte in den Monaten August und Dezember erreicht und insgesamt in jedem Monat des Jahres Frischlinge geboren. Der Pubertätseintritt ist wesentlich von der körperlichen Konstitution abhängig und wesentlich früher nachzuweisen, als bislang angenommen. Weibliche Frischlinge können zu einem geringen Anteil bereits in einem Alter von 7 Monaten die Geschlechtsreife erreicht haben, beinahe regelmäßig bereits mit etwas über einem Jahr. Jeder fünfte männliche Frischling kann mit dem 9. Lebensmonat als theoretisch zeugungsbereit gelten, mit Ablauf des 13. Lebensmonat sind männliche Frischlinge in der Regel geschlechtsreif. Die genannten Faktoren sind als wesentlich für das annähernd exponentielle Anwachsen der Wildschweinpopulation anzusehen und haben direkte Konsequenzen für die Bejagungsrichtlinien und empfehlungen zur Regulation der Bestände. Insbesondere vor dem Hintergrund der sich stetig verbessernden Ernährungsgrundlage für wildlebende Wildschweine, weniger strenger Wintermonate mit entsprechend geringeren natürlichen Verlustraten und dem nicht unerheblichen wirtschaftlichen und öffentlichen Druck auf die Jägerschaft dürften sich Bejagungsfehler, vor allem bezüglich der Zerstörung der Sozialstrukturen durch Erlegung der Leitbachen, als begünstigend für ein weiteres Anwachsen der Wildschweinpopulation auswirken.Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen
Beschreibung
Anmerkungen
Erstpublikation in
Giessen : VVB Laufersweiler
