Unter Autoaggression versteht man ein Sequenzmuster psychischer Vorgänge und Verhaltensweisen. Sie spiegelt sich vielfältig wider in der Schädigung der physischen und/oder psychischen Integrität. Dabei reichen die unterschiedlichen Facetten der Autoaggression von der Persönlichkeitsdimension psychisch Gesunder über indifferente bis hin zu eindeutig psychopathologischen Erscheinungsformen wie den selbstverletzenden Handlungen mit der Extremvariante des Suizids.
Forschungen konnten belegen, dass vergleichbare neurophysiologische und neurochemische Veränderungen, wie sie verglichen von psychiatrisch Auffälligen mit Gesunden bestehen, auch auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Persönlichkeitsdimension der Autoaggression übertragbar sind. Diese Extrapolierbarkeit ermöglicht es neurobiologische Erkenntnisse der Suizid- und Automutilationsforschung auf die Ebene der Persönlichkeitsdimension zu transferieren. Die gestörte serotonerge Transmission physisch Autoaggressiver (v.a. Automutilative und Suizidale) in Form verminderter zentral-serotonerger Aktivität, findet sich also auch bei psychisch Gesunden mit autoaggressiven Persönlichkeitsmerkmalen.
Im Rahmen von Challenge-Tests lässt sich die gestörte Neurotransmittertransmissionen an Hand peripherer Marker messen. Serotonin stimuliert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse, engl. Hypothalamic-Pituitary-Adrenal Axis) und bewirkt die Freisetzung des Nebennierenrinden Hormons Cortisol. Eine spezifische Manipulation des serotonergen Systems mittels Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI, engl. Selective Serotonin Reuptake Inhibitor) bewirkt eine reliable und dosisabhängige Reaktion auf Ebene der HPA-Achse, die einen Rückschluss auf das zentral-serotonerge Aktivitätsniveau erlaubt.
Das Ziel der vorliegenden Studie war die Beantwortung der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Grad der subklinischen Autoaggression in einer gesunden Stichprobe und dem Ausmaß der Cortisol-Antwort gibt, die ein, mit dieser Störung assoziiertes Maß der serotonergen Dysbalance darstellt und welches biochemische Maß am besten geeignet ist, um die Cortisol-Antwort in Bezug auf Autoaggresion zu erfassen. Zur Auswahl standen die maximale Höhe der Serum-Cortisol-Antwort nach S-Citalopramapplikation (DeltaPeak), die Zeit bis zur maximalen Ausprägung der Serum Cortisol-Antwort nach S-Citalopram-applikation (ZtpktDeltaPeak), die Fläche unter der Serum-Cortisol-Kurve nach S-Citalopramapplikation/Area Under the Curve (AUC) und die Placebo-korrigierte Fläche unter der Kurve nach S-Citalopramapplikation/Area Under the Response Curve (AUCR). Unterskalen, Faktoren und Items aus den Fragebögen Buss-Durkee Hostility Inventar (BDHI), Fragebogen zur Erfassung von Aggressionsfaktoren (FAF) und Beck-Depressions-Inventar (BDI) dienten zur Erfassung der psychischen Autoaggressionsmaße.
In einem doppelblinden durchpermutierten Versuchsaufbau wurden 24 männlichen, physisch und psychisch gesunden Versuchspersonen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren an drei Untersuchungsterminen und im Abstand von einer Woche entweder 10 mg des Enantiomers S-Citalopram, ein Placebo oder 20 mg Citalopram verabreicht. Basierend auf höheren Reliabilitätswerten gingen in die Berechnungen der vorliegenden Studie ausschließlich S-Citalopram-Daten ein. Dabei wurde die Substanzgabe voll durchpermutiert. Die Cortisol-Response wurde zwischen 15.00 Uhr und 17.00 Uhr an sieben Messzeitpunkten über eine Dauerverweilkanüle im Serum der Probanden bestimmt. Zwischen den jeweiligen Blutabnahmen beantworteten die Versuchspersonen die erwähnten Persönlichkeitsfragebögen.
Die Ergebnisse der Studie lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Alle biochemischen Maße korrelierten untereinander hochsignifikant, nur zwischen dem Zeitpunkt der maximalen Serum-Cortisol-Antwort nach S-Citalopramapplikation (ZtpktΔPeak) und der placebokorrigierten Fläche unter der Serum-Cortisol-Kurve (AUCR) ließ sich kein Zusammenhang feststellen.
- Unter den psychischen Maßen korrelierten nur Guilt des Buss-Durkee-Hostility Inventars (BDHI-Guilt) sowie Schuldgefühle (BDI-E) und Selbstanklage (BDI-H) des Beck-Depressions-Inventars untereinander, so dass der BDI-Gesamtscore für die Auswertung nicht verwendet werden konnte.
- Unter den biochemischen Maßen ging ein späterer Zeitpunkt des Cortisolmaximums nach S-Citalopramapplikation (ZtpktΔPeak) mit vermehrten Schuldgefühlen und einem schlechteren körperlichen Selbstbild einher.
- Bei ZtpktDeltaPeak handelte es sich um den besten Serotonin-Response-Parameter.
Die neurochemischen Mechanismen dieser Befunde wurden diskutiert.
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