Interkulturelle Gesundheitsversorgung für die indianische Bevölkerung im Kanton Loreto in Ecuador

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International wird die Entwicklung von Strategien zur Verbesserung des desolaten Gesundheitszustandes, in dem sich viele indigene Völker weltweit befinden, als eine zentrale Herausforderung der Medizin gewertet. Eine interkulturelle Öffnung der Medizin wird als mögliche Lösung diskutiert, die Ansätze hierbei differieren jedoch erheblich.Diese Thematik aufgreifend, wird in dieser Arbeit exemplarisch die gesundheitliche Situation einer bestimmten indigenen Gruppe, nämlich der Kichwa - Bevölkerung im Kanton Loreto im Amazonasgebiet des lateinamerikanischen Landes Ecuador, untersucht. Im Zentrum der Untersuchung stand dabei erstens die Frage nach dem lokalen Verständnis von interkultureller Gesundheitsversorgung aus der Sicht sowohl der indigenen Bevölkerung als auch der Vertreter der in der Region tätigen Organisationen sowie des medizinischen Personals. Die zweite Leitfrage der Studie befasste sich mit den konkreten Möglichkeiten und Bedingungen zur Entwicklung kulturell angepasster medizinischer Versorgungsstrukturen in der Region Loreto. Methodisch basiert die Arbeit auf einer fünfmonatigen medizinethnologischen Feldforschung im Kanton Loreto, wobei verschiedene qualitative Untersuchungsmethoden (teilnehmende Beobachtung speziell in der Gesundheitsversorgung und verschiedene Interviewtechniken) zur Anwendung kamen. Im Rahmen der Feldforschung konnten vier thematische Schwerpunkte für eine interkulturelle Gesundheitsversorgung in Loreto identifiziert werden: Der erste Punkt ist das Thema Gesundheit der Frau , besonders in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt, wobei auch Risikostrukturen identifiziert werden. Außerdem wird die fehlende Resonanz in der indigenen Bevölkerung auf ein kürzlich erbautes Geburtshaus, dem einzigen, explizit als interkulturell klassifizierten Projekt vor Ort, mit Hilfe des lokalen Verständnisses von Schwangerschaft und Geburt analysiert. Dabei spielen auch die Funktionen, die den traditionellen indigenen Hebammen in den Dörfern zukommen, eine entscheidende Rolle.Einen weiteren thematischen Schwerpunkt stellt paju dar. Dieser Kichwa -Begriff bezeichnet eine besondere Fähigkeit seines Besitzers bzw. Trägers, welche von den Kichwa - Indianern in den Händen lokalisiert wird. Obgleich paju im Forschungsgebiet unter anderem ein vielfach genutztes Hausmittel bei den unterschiedlichsten Beschwerden war, erfahren seine Träger in den lokalen Gesundheitsprojekten bzw. auf nationaler und internationaler gesundheitspolitischer Ebene bisher kaum Anerkennung als wichtige Ressource der Gesundheitsversorgung. Ein dritter Schwerpunkt ist die Rolle und Bedeutung des lokalen Schamanismus, bzw. seiner Vertreter, die von den Kichwa yachak genannt werden, was soviel wie Wissender bedeutet. Auf nationaler und internationaler Ebene werden Schamanen, im Sinne der Förderung traditioneller Medizin, oft als Heiler bzw. sogar als indigener Arzt klassifiziert. Betrachtet man jedoch die spezifischen Funktionen und Fähigkeiten der yachak im Forschungsgebiet, so ergibt sich ein von dieser Einteilung durchaus abweichendes Bild. Die Kenntnisse der indianischen Bevölkerung in Bezug auf Heilpflanzen und jüngste Initiativen der lokalen indianischen Organisation FONAKIN, diese systematisch zu erfassen und zu klassifizieren, stellt den vierten thematische Schwerpunkt dar. International gilt die Anwendung von Pflanzen zur Heilung und Linderung von Beschwerden seit Jahrzehnten als typische traditionelle indigene Medizin . Im Rahmen der Feldforschung zeigte sich jedoch, dass sich das indigene Verständnis von Heilpflanzen, ihren Wirkprinzipien und Anwendungsformen nur zum Teil mit westlichen Vorstellungen auf diesem Gebiet deckt. Im Ergebnis konnten mit dieser Studie zum einen gezeigt werden, dass der Begriff interkulturelle Gesundheitsversorgung für die indigene Bevölkerung bisher weitgehend bedeutungslos ist, und selbst die professionell im Gesundheitsbereich Tätigen haben bisher, und trotz erster konkret so identifizierter Initiativen vor Ort, nur eine sehr vage Vorstellung dazu. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Schlagwort der kulturellen Öffnung mit Blick auf die Bedürfnisse der Indigenen vor allem mit zwei Aspekten identifiziert werden kann: Erstens, dem Wunsch nach einer qualitativ möglichst hochwertigen und zuverlässig verfügbaren medizinischen Basisversorgung (einschließlich Geburtshilfe). Zweitens, der Notwendigkeit eines respektvollen Umgangs mit der indigenen Bevölkerung, was die Möglichkeit einer zumindest basalen sprachlichen Kommunikation auf Kichwa ebenso einschließt wie den Respekt vor einheimischen medizinischen Ressourcen ( Heiler wie solche mit paju, Schamanen, Heilpflanzen) und regelmäßige Präsenz von medizinischem Personal selbst in abgelegenen Gebieten. Grundsätzlich sind derartige Überlegungen nicht neu und wurden auch im Kontext der WHO - Strategie Primary Health Care bereits diskutiert. Die ausdrückliche Betonung der interkulturellen Dimension von Medizin beinhaltet jedoch die Aufforderung, neben der indianischen auch die Seite der medizinischen Institutionen und die darin handelnden Akteure in den Blick zu nehmen. Gerade in deren Bereitschaft und Fähigkeit zur differenzierten Wahrnehmung der komplexen soziokulturellen Aspekte von Medizin und Gesundheitsversorgung in einer Region wie Loreto entscheidet sich, ob eine interkulturelle Öffnung mehr ist als ein neuer, wohlklingender Begriff.

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