Mit der vorliegenden Studie sollten die Zusammenhänge zwischen prothetischer Versorgung, Kaueffizienz und Ernährungszustand geriatrischer Patienten analysiert werden. Die Klärung der kausalen Zusammenhänge dient dem Ziel, durch die Einführung des in dieser Studie angewendeten Kaufunktionstests auch zahnmedizinisch ungeschultem Personal in geriatrischen Einrichtungen eine einfache und kostengünstige Beurteilung des Kauvermögens älterer Menschen zu ermöglichen. Über das Ergebnis dieses Kautests können Defizite in der Kauleistung festgestellt und weitere Tests bzw. Behandlungsschritte veranlasst werden.Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine explorative Studie. Die Untersuchung umfasste insgesamt 88 Patienten, die mindestens im 60. Lebensjahr waren. Alle Patienten waren stationär bzw. teilstationär in der Fachabteilung der Geriatrie am St. Bonifatius Hospital in Lingen/Ems aufgenommen. Alle Patienten erhielten zunächst eine Aufklärung über alle wichtigen Punkte der Studie. Die allgemeinmedizinische Anamnese wurde anhand eines Patienteninterviews ausgefüllt und später mit der Krankenakte ergänzt. Für alle Patienten wurde der Fragebogen nach FOLSTEIN (MMST) durchgeführt, um den kognitiven Zustand der Probanden zu ermitteln, damit im Falle einer Einschränkung in Bezug auf den Fragenumfang im OHIP darauf Rücksicht genommen werden konnte. Danach wurde das OHIP-G (Oral Health Impact Profile) bzw. bei kognitiver Einschränkung das OHIP-G14 beantwortet. Zur Bestimmung des Ernährungszustandes wurde der MNA-Fragebogen (Mini Nutritional Assesment) verwendet. Der zahnmedizinische Befund und die Beurteilung des vorhandenen Zahnersatzes wurden anhand der multizentrischen Dokumentation (MZD) durchgeführt. Mit Romeo (Grad I) wurde nur Zahnersatz beurteilt, der keine Mängel aufwies. Die Bewertung Sierra (Grad II) bekam akzeptabler Zahnersatz, der kleine Mängel aufwies, die jedoch noch akzeptabel und somit noch nicht korrekturbedürftig sind. Mit Tango (Grad III) wurde Zahnersatz bewertet, der korrekturbedürftig war, um zukünftigen Schaden abzuwenden. Mit Viktor (Grad IV) wurde Zahnersatz bewertet, der korrekturbedürftig war, um aktuellen Schaden vom Patienten abzuwenden. Um die statistische Auswertung zu erleichtern, wurden Patienten mit der Klassifizierung Romeo und Sierra der Gruppe A zugeordnet, Patienten der Klassifizierung Tango und Viktor der Gruppe B. Im Anschluss wurde ein Kaufunktionstest durchgeführt, wobei die Pobanden Karottenscheiben definierter Größe innerhalb von 45 Sekunden so klein wie möglich kauen sollten. Anschließend wurde der Zerkleinerungsgrad visuell ausgewertet und fotographisch dokumentiert. Im Rahmen der statistischen Auswertung zeigte sich ein deutlicher Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Gebisszustand und Kaufunktion (p < 0,001). Mit schlechter werdendem Kautest nimmt der Anteil von Probanden der Gruppe A ab und der Anteil der Probanden der Gruppe B steigt an. Auch auf einen Zusammenhang zwischen der Bewertung des Gebisszustandes, getrennt in Oberkiefer und Unterkiefer, und der Kaufunktion gab es Hinweise (p < 0,001). Mit schlecht bewerteten Oberkieferprothesen konnten bessere Kauergebnisse erzielt werden als mit schlecht bewerteten Unterkieferprothesen. Ebenfalls gab es einen deutlicher Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Versorgungskombinationen und dem Kaufunktionstest (p < 0,001). Kein Proband, der nur mit festsitzendem Zahnersatz versorgt war, erzielte ein schlechtes Kauergebnis. Dagegen erreichte nur ein Proband, der mit zwei Totalprothesen versorgt war, ein gutes Kauergebnis. Zwischen Kaufunktion und Ernährungszustand gibt es ebenfalls Hinweise auf einen Zusammenhang (p = 0,011). Kein Proband mit gutem Kaufunktionstest weist einen schlechten Ernährungszustand auf. Bezüglich des Gebisszustandes und des Alters des Zahnersatzes konnte kein Zusammenhang aufgezeigt werden (p = 0,812). Nach statistischer Auswertung besteht ein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Gebisszustand und dem letzten Zahnarztbesuch (p = 0,025). Bei den meisten Patienten aus Gruppe A liegt der letzte Zahnarztbesuch weniger als ein Jahr zurück. Der Gebisszustand aller Probanden, die über zehn Jahre nicht beim Zahnarzt waren, wurde der Gruppe B zugeordnet. Es gibt einen deutlichen Hinweis darauf, dass Gruppe A und Gruppe B des Gebisszustandes unterschiedliche Ergebnisse im OHIP-Fragebogen erzielten (p < 0,001). Die Probanden der Gruppe B erreichten eine höhere Punktzahl, das heißt, sie waren unzufriedener als die der Gruppe A. Diese Ergebnisse geben also deutliche Hinweise auf kausale Zusammenhänge zwischen prothetischer Versorgung, Kaueffizienz und Ernährungszustand geriatrischer Patienten. Somit wäre die Einführung eines solchen Kautests als routinemäßige Untersuchung in Altenpflegeheimen durchaus sinnvoll und hilfreich. Die Vorteile sind vielversprechend, der Nutzen-Kosten-Vergleich ist sehr gut und der Aufwand für eine generelle Einführung ist überschaubar.
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