Die Reproduktionsmedizin ist eine interdisziplinäre medizinische Fachrichtung von Urologie, Andrologie, Gynäkologie, Endokrinologie, Psychologie und Humangenetik. Diese enge Verzahnung stellt spezielle Anforderungen an den Informationsaustausch und die Informationsdarstellung. Bisher gab es nur fachrichtungseigene Module, die den Anforderungen eines integrierten andrologischen Informationsmanagementsystems (IAIMS) nicht gerecht werden.Das Ziel der Arbeit war die Entwicklung eines IAIMS innerhalb des klinischen Arbeitsplatzsystems, um die Daten sowohl den behandelnden Ärzten als auch Daten für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Die Aufgabe bestand in der Konzeptionierung und Implementierung des IAIMS sowie in einer retrospektiven Datenerfassung der reproduktionmedizinischen Behandlungsfälle vom 01.01.2003 bis 31.12.2005 erfolgen. Auf der Grundlage dieser erfassten Daten war eine epidemiologische interdisziplinäre Analyse mittels der statistischen Exploration durchzuführen, mit dem Ziel, einen umfassenden Überblick über das Datenkollektiv zu gewinnen, um daraus neue konfirmatorische Studien zu generieren.
Zunächst wurde eine Workflowanalyse in den einzelnen Fachrichtungen durchgeführt und ein Datenbankdesign zur Erfassung aller relevanten Parameter entworfen. Dies umfasste anamnestische, andrologische, endokrinologische, histologische, humangenetische, interoperative Parameter des Patienten und Daten über die Kryokonservierung von Gameten sowie gynäkologische Daten der Partnerin. Darüber hinaus wurde ein Diagnosekatalog in Anlehnung an die WHO unter reproduktionswissenschaftlichen Gesichtspunkten definiert. Die Softwareentwicklung erfolgte entsprechend der evolutionären inkrementellen Entwicklungsmethodik. Zunächst wurden das Grobkonzept und die Definition der Systemarchitektur für den gesamten Projektumfang festgelegt. Inkrementell wurde in den Phasen Feinkonzeption und Implementierung vorgegangen. Durch diese Entwicklungsmethode war es möglich, den Anwendern frühzeitig bereits fertig gestellte Teilprodukte zu Testzwecken zu überlassen.
Die Programmierung erfolgte mit Gupta/Centura SQLWindows/32 (Modulo3 GmbH, Meerbusch, Deutschland). Das IAIMS wurde auf der Basis des RDBMS (relationales Datenbank-Managementsystem) Oracle 8.0 als Zusatzmodul des Klinischen Arbeitsplatzsystems (KAS) KAOS (Eigenentwicklung Uniklinikum Giessen) entwickelt. Die Implementierung der Schnittstellen zum Austausch von Stammdaten und Befunden erfolgte auf der Basis von HL7. Eine Abfrage der Daten für wissenschaftliche und administrative Zwecke ist über ein Modul des KAS möglich.In das IAIMS wurden aus den Jahren 2003 bis 2005 retrospektiv 2912 andrologische Patientenakten, davon 1834 (63%) mit Kinderwunsch eingepflegt. Die Daten für Kryokonservierung und TESE (Testikuläre Spermatozoenextraktion) wurden aus der lokalen Datenbank (MS Access95) des Dermatologischen Zentrums importiert. Zu den erfassten männlichen Patienten wurden die gynäkologischen Daten der jeweiligen Partnerin aus der lokalen Accessdatenbank des CIF importiert. Jedem Patienten wurden im IAIMS eine Hauptdiagnose und bis zu fünf Nebendiagnosen aus dem implementierten Diagnosekatalog zugeordnet.Die Analyse ergab einen Gesamtüberblick über die im oben genannten Zeitraum behandelten Patienten mit deren Altersstruktur und der Verteilung der erfassten Hauptdiagnosen. Unter Einbeziehung der Nebendiagnosen wurden spezielle Patientengruppen betrachtet. Es wurden weiterhin die Erfolgsparameter der reproduktionsmedizinischen Behandlung untersucht und dargestellt. Die analysierten Datensätze werden derzeit im Rahmen von mehreren Epidemiologischen Studien für spezielle reproduktionsmedizinische Fragestellungen ausgewertet. Die Pflege der aktuellen Patientendaten wird von den Wissenschaftlern fortgesetzt.
Es konnte gezeigt werden, dass mittels IAIMS eine einheitliche Plattform zur Unterstützung der interdisziplinären Behandlung von Paaren mit Fertilitätsstörungen zur Verfügung gestellt werden kann, welches sowohl die spezifischen Anforderungen der Reproduktionsmedizin an ein Klinisches Informationssystem bedient als auch die integrativen Vorteile des Klinischen Arbeitsplatzsystems (z.B. Administration, Schnittstellenreduzierung, Vermeidung von Redundanz ) nutzt. Das IAIMS stellt ebenfalls die Grundlage einer breiten validen Datenbasis für andrologische epidemiologische Fragestellungen und interdisziplinäre Auswertungen dar.
Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen