Schreien ist einer der häufigsten Vorstellungsgründe von Kindern im ersten Lebensjahr in der Kinderarztpraxis [102, 179]. Vor allem in ihren ersten 3 bis 4 Lebensmonaten schreien Säuglinge fast doppelt so lange wie in den darauf folgenden Lebensmonaten [9, 102, 156]. Wird dieses Schreien als exzessiv wahrgenommen, kann dies eine erhebliche Belastung für die Eltern, insbesondere die Mütter bedeuten. Beeinträchtigungen des familiären Zusammenlebens, Depressionen der Mutter, Verschlechterung der Mutter-Kind-Beziehung mit daraus möglicherweise folgenden Entwicklungsstörungen der Kinder und v. a. Vernachlässigungen und Misshandlungen der Säuglinge werden als Folgen des exzessiven Schreiens beschrieben [69, 126, 159]. Verschiedene prä- und postnatale Belastungen können das Risiko für diese Schreifolgen erhöhen [184], was die Bedeutung einer gezielten Prävention und Diagnostik verdeutlicht [141]. Im Mittelpunkt therapeutischer Bemühungen sollte eine informierende und unterstützende Beratung zur Schreimengenminderung, zur familiären Angst- bzw. Stressreduktion sowie zur Prophylaxe eines möglichen negativen kindlichen Outcomes stehen [173].Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) als auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (DGKJPP) haben Leitlinien verfasst, die das Vorgehen beim exzessiven Schreien beschreiben, und diese mit dem Ziel veröffentlicht, Diagnostik und Therapie der Schreiproblematik zu optimieren und das kindliche Langzeitoutcome zu verbessern [3]. Die vorliegende Studie soll die aktuelle Versorgung exzessiv schreiender Säuglinge beschreiben, den Implementierungsstand der Leitlinien der DGSPJ und DGKJPP zum exzessiven Schreien prüfen, sowie ärztliche und praxis-strukturelle Faktoren, die mit der Leitlinienadhärenz assoziiert sind, beschreiben. Die Datengenerierung erfolgte aus Befragungen von insgesamt 40 Kinderärztinnen und Kinderärzten aus 7 verschiedenen hessischen und einem nordrhein-westfälischem Landkreis. Dazu wurden im Vorfeld ein teilstandardisierter Interview-leitfaden und ein Fragebogen erstellt. Die Interviewauswertung erfolgte mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring [118]. Aus den Leitlinien der DGSPJ und DGKJPP wurde ein Leitlinienadhärenzscore entwickelt, der insgesamt 14 diagnostische und therapeutische Empfehlungen enthält. Zur Datenreduktion wurde eine Faktorenanalyse durchgeführt, die 2 Faktoren extrahierte, die aus 5 v. a. diagnostischen Empfehlungen respektive 3 v. a. therapeutischen Empfehlungen bestehen. Es wurde die ärztliche Leitlinienadhärenz zu diesen beiden Faktoren überprüft.Die Leitliniencompliance betrug durchschnittlich 46%, die interindividuelle Variabilität war mit 5 bis 85% sehr hoch. Insbesondere die diagnostischen und therapeutischen Empfehlungen, die für die Identifikation sogenannter High-risk-Familien und für einen prognostisch günstigen Verlauf des Schreiens wichtig sind, werden selten befolgt. Die Compliance zu einzelnen Empfehlungen hingen mit dem Geschlecht, dem Alter, dem Fortbildungsgrad, der Praxisart und -größe zusammen. Sowohl das weibliche Geschlecht als auch in Einzelpraxen praktizierende, viele Patienten betreuende und junge, kürzlich graduierte Pädiater waren zu Einzelempfehlungen adhärenter. Der Besuch allgemeinpädiatrischer Fortbildungen und Zusatzqualifikationen in Neonatologie bzw. Neuropädiatrie zog eine bessere Compliance zu diagnostischen Empfehlungen nach sich.Trotz dem als häufig wahrgenommenem positivem Outcome des exzessiven Schreiens werden demzufolge Risikofamilien unter Umständen nicht rechtzeitig entdeckt und o. g. negative Folgen für Kind, Mutter oder die Mutter-Kind-Beziehung nicht rechtzeitig erkannt. Die Studie zeigt zudem einen deutlichen Fortbildungsbedarf vieler Kinderärzte zu aktuellen Ätiologiekonzepten, Risikofaktoren und Therapieprinzipien des exzessiven Schreiens.
Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen