Der Zusammenhang von Schmerz, Verletzung und psychosozialer Balance: Ein Plädoyer für einen ganzheitlichen individualisierten Ansatz in der Begleitung von Sportlerinnen und Sportlern im Leistungssport
Hintergrund: Verletzungen und Schmerzen gehören zum Alltag von Spitzensportlern, die es bereits im Jugendalter gewöhnt sind, unter ständigen Schmerzen zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten. Mögliche Zusammenhänge zwischen Verletzung, Schmerz und psychosozialen Faktoren im Leistungs- und Amateursport sind bislang wenig erforscht. Auch Möglichkeiten, individuelle Befragungen und Messungen der Aktivität des vegetativen Nervensystems vermehrt in die Betreuung bei Schmerz und Verletzung einzubinden, um eine engere Orientierung an der psychischen Verfassung in der praktischen Betreuung im Wettkampfbetrieb vorzunehmen, ist bislang nicht etabliert. Des Weiteren wird Forschungsbedarf zur Wirkweise sportpsychologischer Techniken im Kontext von Schmerz und Verletzung gesehen.Ziel: Ziel der Dissertation war die Erhebung grundlegender Informationen zu einer potenziellen Schmerzproblematik, die Untersuchung möglicher Monitoring-Maßnahmen, sowie die Entwicklung einer konkreten Intervention zur Stärkung von präventiven Ressourcen für ein optimiertes und ganzheitliches Schmerzmanagement im Leistungssport.Studie 1: Im Rahmen der ersten Studie wurden Zusammenhänge zwischen Faktoren der psychosozialen Balance und auftretenden Schmerzen im professionellen und semiprofessionellen Sport, sowie im Freizeitsport untersucht. Hierzu wurden mittels Fragebogen unter anderem Daten zu Gesundheitszustand, Medikamentenkonsum, Trainingsumfang und Schmerz, sowie psychosoziale Faktoren abgefragt. Als zentrale Ergebnisse konnten gravierende Prävalenzen von Schmerz und Verletzung im Leistungs- und im Freizeitsport festgestellt werden. Zudem zeigten sich deutliche Einbußen psychosozialen Befindens bedingt durch akute und chronische Schmerzen. Des Weiteren konnte der viel diskutierte gesundheitliche Risikofaktor Stress als ein zentraler Einflussfaktor auf die mentale Lebensqualität und das Selbstmitgefühl identifiziert werden.Studie 2: Diese Studie erforschte im Längsschnitt die Praktikabilität eines Erholungs-Belastungs-Monitorings bei Sportlerinnen einer Bundesliga Frauenfußballmannschaft. Dies erfolgte mittels wöchentlicher Messung der Herzfrequenzvariabilität (HRV), sowie individueller Befragung zu Überlastung und Schmerz. Ein weiteres Forschungsziel war die Untersuchung der Entwicklung psychischer Faktoren im Verlauf einer Saison. Hinsichtlich der Ergebnisse konnte ein engmaschiges Monitoring von Befinden und HRV als ein sehr anspruchsvolles, aber effektives Modell bewertet werden, um die individuelle Stressbelastung zu erheben. Des Weiteren konnte bestätigt werden, dass der Saisonzeitpunkt Einfluss auf psychosoziale Parameter haben kann. Unterschiedliche Tendenzen im Kontext der individuell wahrgenommenen Stressintensität zeigten sich zwischen Ersatz- und Stammspielerinnen und verweisen auf die Einsatzzeit im Wettkampf als einen wesentlichen Einflussfaktor auf Stresslevel und Wohlbefinden.Studie 3: Bei dieser Studie wurde in Form einer kontrollierten Interventionsstudie der Fokus auf die Verknüpfung von schmerzdiagnostischen Testungen mit sportpsychologischer Intervention gesetzt. In einem Nachwuchsleistungszentrum für Männerfußball wurde ein vierwöchiges psychological skills training-Programm zur Verletzungsprävention und mentalen Saisonvorbereitung durchgeführt. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie bereits kurzfristig angelegte sportpsychologische Arbeit zur Stärkung psychosozialer Parameter beitragen kann: Im Vergleich zur Kontrollgruppe blieben die Sportler der Interventionsgruppe bezüglich des Risikos für Stressbelastung stabil, erlangten ein höheres Selbstmitgefühl und eine verbesserte mentale Lebensqualität. Die positiven Effekte auf Stressbelastung und Selbstmitgefühl korrelierten moderat mit der Teilnahmehäufigkeit an der Maßnahme. Nicht zuletzt die persönlichen Bewertungen des Angebots durch die Spieler heben die Notwendigkeit und Wichtigkeit sportpsychologischer Arbeit im Nachwuchsleistungssport hervor.Relevanz/Ausblick: Die vorliegende Dissertation zeigt sehr eindrücklich auf, dass im gegenwärtigen Leistungssport Forschungs- und Aufklärungsbedarf hinsichtlich des Umgangs mit und der Kommunikation von Schmerzen und Verletzungen bestehen. Dass die psychosoziale Balance neben der physischen Verfassung des Sportlers wesentlichen Anteil an der sportlichen Leistungsfähigkeit hat, verdeutlichen alle Teilstudien. Bindet man, wie in diesem Projekt, die Stärken der einzelnen sportwissenschaftlichen Disziplinen ein, werden die Möglichkeiten und das Potenzial einer kooperativ angelegten und ganzheitlichen Forschung deutlich. Sowohl qualitative als auch quantitative Forschung zum Wohle des individuellen Sportlers zu betreiben, muss deshalb zum Anspruch für ein optimiertes Gesundheitsmanagement im Leistungssport werden.
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