Minimale Schnittmethoden (MP) bei der Kultivierung von Reben gelten als die extensivste und damit u.a. als die ökonomischste Form der Kultivierung von Vitis vinifera. Diese Arbeit befasst sich mit spezifischen Problemstellungen und Besonderheiten eines derart revolutionären Bewirtschaftungskonzeptes bei Vitis vinifera L. cv. Riesling unter den kühlen Anbaubedingungen Mitteleuropas im Vergleich zu geschnittenen Reben (VSP).
Die zyklische Entwicklung der Reserven von Stickstoff und Kohlehydraten verlief bei beiden Systemen analog im Verlauf mehrerer Jahre. Bei geringfügig geringeren Gehalten an Kohlehydraten lag die Konzentration an Stickstoff bei MP jedoch durchschnittlich tendenziell in allen untersuchten Holzfraktionen höher. Aufgrund des größeren Holzkörpers bei MP im Vergleich zu VSP weist damit MP absolut höhere Reserven auf. Die Nachhaltigkeit des Konzeptes von MP scheint somit unter kühlen Anbaubedingungen gegenüber VSP nicht herabgesetzt. Die höhere Dynamik der Mobilisierung und Bildung von Reserven im Holzkörper bei MP korrelierten dabei eng mit der Blattflächenentwicklung, die bei MP im Vergleich zu VSP ebenfalls eine weitaus höhere Dynamik aufwies. Über die Jahre stetig sinkende Blattwasserpotentiale gingen mit geringeren Reserven in beiden Systemen einher.
Die größere Blattfläche und räumliche Ausdehnung von MP im Vergleich zu VSP führte zu einer höheren Lichtinterzeption dieses Systems während eines Tagesverlaufs als auch innerhalb der Vegetationsperiode. Die hierdurch bedingte höhere Transpiration führte zu niedrigeren Blattwasserpotentialen und teilweise zu niedrigeren stomatären Leitfähigkeiten und reduzierte die Assimilationsleistung von MP.
Innerhalb der Laubwände beider Systeme assimilierten gut exponierte Laubwandsegmente (Südostseite, Top) mehr Kohlenstoff als weniger gut exponierte Segmente (Nordwesten, untere und innere Segmente). Trotz der teils verringerten assimilatorischen Leistung und höheren modellierten nächtlichen Respiration von MP lag bei diesem System die geschätzte Netto-Kohlenstoffakkumulation je Pflanze mit einem Faktor von 2,5 - 3,0 über der von VSP, wobei dies eng mit der um etwa den Faktor 3 gesteigerten Blattfläche von MP einherging.
Nicht im Ertrag regulierte MP-Reben wiesen einen deutlich höheren Mengenertrag, der über den für die Qualitätsweinproduktion zugelassenen Werten la, jedoch niedrigere Mostzuckergehalte sowie höhere Mostsäurewerte als VSP-Reben auf. Eine annuale Applikation der MP-Reben in die Blüte mit Gibberellinsäure (GA3) führte vor allem über die Folgewirkung auf die Fruchtbarkeit im Folgejahr zu einem deutlich geringeren Mengenertrag bei der Sorte Riesling. Die ertragsreduzierende Wirkung von GA3 bzw. weitere physiologische Wirkungen führten zu einer beträchtlichen Entlastung des Trockenstresses und erhöhten teils die assimilatorische Leistungsfähigkeit der Reben. Dies kann als ein Hauptgrund für die höhere Zuckerreife behandelter MP-Reben zum Zeitpunkt der Ernte in Vergleich zu unbehandelten MP-Reben im Jahr nach der Applikation von GA3 in die Blüte gesehen werden und stellt einen ein essentielles Management-Tool ein derartiges Bewirtschaftungssystem in der weinbaulichen Praxis Mitteleuropas zu etablieren.
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