Gibt es einen Einfluss emotionaler Gesichter auf basale Quantifizierungsprozesse? : Untersuchung einer potentiellen Methode zur diagnostischen Eingrenzung und Früherkennung der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Gesichtererkennung und Emotionsverarbeitung spielen in der Kognitionsforschung eine wichtige Rolle. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, herauszufinden, ob es einen Einfluss emotionaler Gesichter auf basale Quantifizierungsprozesse gibt, mit dem Hintergrund eine potentielle Methode zur diagnostischen Eingrenzung und Früherkennung der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zu untersuchen. An einer Stichprobe gesunder Probanden sollten die potentiell relevanten Einflussgrößen auf die Untersuchungsmethode ermittelt werden. Das Probandenkollektiv setzte sich aus zehn männlichen und zehn weiblichen Studenten zusammen, die im Durchschnitt 24,6 Jahre alt waren.Vor allem das verstärkte und schnellere Erkennen und Auffinden von ärgerlichen Gesichtern in einer Menge Gesichter mit anderem Gesichtsausdruck, auch als anger-superiority Effekt (ASE) bezeichnet, steht in der Diskussion im Zusammenhang mit dem sogenannten negativen Bias , der negativeren Bewertung neutraler oder ambivalenter Emotionen, bei Patienten, die an BPS erkrankt sind. Allerdings ist man sich in der Fachwelt nicht einig, ob ein ASE überhaupt existiert und unter welchen Umständen er auftritt. Zahlreiche Autoren konnten den Nachweis für einen ASE erbringen, andere jedoch wiesen in ihren Untersuchungen genau das Gegenteil nach und propagieren einen happy-superiority Effekt (HSE). In der vorliegenden Arbeit wurde der ASE erneut im Rahmen einer visuellen Suchaufgabe in Form eines Finding-the-face-in-the-crowd (FFIC) Paradigmas überprüft. Unter den gewählten Bedingungen trat kein ASE auf.Auf der Basis des ersten Experiments wurde ein zweites generiert. Dabei wurden die basalen Quantifizierungsprozesse Subitizing und Counting untersucht. Als Subitizing werden die Verarbeitungsprozesse im Gehirn beim Erfassen kleiner Elementanzahlen, von 1-3 oder 1-4 Elementen, je nach Autor, bezeichnet. Counting beschreibt den Prozess des Abzählens größerer Elementanzahlen, je nach Autor von 4-7 oder 5-7 Elementen (Mandler & Shebo, 1982). Mit dem Ziel herauszufinden, wie sich emotionale Gesichter auf diese Quantifizierungsprozesse auswirken, wurde eine Quantifizierungsaufgabe entwickelt, im Rahmen derer Gesichter gezählt und mit einer Zahl verglichen werden sollten. Es wurden die gleichen schematischen emotionalen Gesichter und schematischen Figuren in der Kontrollbedingung verwendet wie im FFIC Paradigma. Gemessen und ausgewertet wurde die Reaktionszeit. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass die emotionalen Gesichter die Prozesse des Subitizing nicht beeinflussten. Im Counting Bereich hingegen führten die emotionalen Gesichter zu verlängerten Reaktionszeiten und störten die Verarbeitung somit nachweislich. Eine Sonderstellung der Emotionsqualität Ärger im Hinblick auf den negativen Bias konnte nicht gefunden werden.Anhand dieser Ergebnisse wurden schließlich die möglichen Aspekte und Einflüsse der Emotionsverarbeitung und Gesichtererkennung auf die Quantifizierungsprozesse sowie alternative Lösungs- und Erklärungsansätze aufgezeigt und diskutiert. Es wurde zudem darauf verwiesen, dass weitere Untersuchungen mit einem klinischen Probandenkollektiv an BPS erkrankter Patienten verschiedener Modifikationen, wie einer Kürzung der Untersuchungsdauer, bedürften.