Das Ziel der vorliegenden Studie war die Entwicklung und Anwendung eines universalen Index zur Beschreibung systematischen Zahnputzverhaltens. Dazu wurden schrittweise folgende Fragestellungen bearbeitet: Wie kann systematisches Zähneputzen definiert werden? Wie kann diese Definition in einen mathematischen Algorithmus übersetzt werden? Wie kann dieser Algorithmus in einen Index überführt werden? Bildet dieser Index systematisches Zähneputzen anhand simulierter Daten sinnvoll ab? Bildet dieser Index systematisches Zähneputzen anhand klinischer Daten sinnvoll ab?Für die mathematische Herleitung des Index wurden im Vorfeld vier Parameter ((1)-(4)) definiert, welche systematisches Zahnputzverhalten charakterisieren:(1) Vollständigkeit (alle Putzareale sollen mit der Zahnbürste erreicht werden)(2) Isochronalität (alle Putzareale sollen mit annähernd der gleichen Zeit erreicht werden)(3) Konsistenz (es sollen so wenig Putzarealwechsel wie möglich stattfinden, um ein konzentriertes Putzen zu gewährleisten)(4) Darüber hinaus sollte eine hinreichende Putzdauer eingehalten werden. Diese Parameter wurden in zwei Algorithmen gebracht, die als Summanden den Gesamtindexwert für den Toothbrushing Systematic Index (TSI) bilden, welcher Werte zwischen 0 und 2 annehmen kann. Der TSI wurde zur Validierung zunächst auf simulierte Putzsequenzen angewendet. Dabei wurden unterschiedliche Spannweiten von Putzdauern, erreichten Arealen und Wechselhäufigkeit zwischen den Arealen bei isochronalem und nicht-isochronalem Putzen generiert. Dabei erreichte der TSI Werte zwischen 0,00 und 1,97. Je höher der erreichte Indexwert, desto systematischer ist die simulierte Putzsequenz. Sehr hohe TSI Werte erreichten simulierte Putzsequenzen, die eine ausreichend lange Gesamtputzzeit und eine möglichst geringe Anzahl an Arealwechsel aufwiesen, sowie alle Areale vollständig und in annähernd der gleichen Putzzeit erreichten. Umgekehrt fanden sich geringe TSI-Werte bei nicht-Einhalten der beschriebenen Kriterien für systematisches Putzen. Als Datengrundlage für die klinische Validierung dienten 202 Videodateien von insgesamt 63 Probanden. Diese Videodateien waren im Jahr 2005 zu anderen Studienzwecken erhoben worden (Schlueter et al. 2010; 2013). Für unsere Zwecke waren diese Videodateien sehr gut geeignet, da die Probanden der damaligen Studie eine Mundhygieneunterweisung in eine Zahnputzsystematik erhalten hatten. Dabei lagen auch Videodateien einer nicht instruierten Kontrollgruppe vor. Für die vorliegende Studie wurden die Videodateien mit der Beobachtungssoftware INTERACT (Mangold 2011) erneut ausgewertet und im Hinblick auf systematisches Zahnputzverhalten reanalysiert. Erfasst wurden hierbei die Gesamtputzdauer, die Putzdauer auf den einzelnen Zahnflächen sowie die Häufigkeit der Arealwechsel und die Anzahl an aufgesuchten Putzarealen. Vor Instruktion zeigte sich ein ähnlich unsystematisches Putzverhalten zwischen der nicht instruierten Kontrollgruppe (TSI: 1,15 ± 0,29) und der Instruktionsgruppe (1,25 ± 0,27). Nach Instruktion zeigt sich eine statistisch signifikante Verbesserung im TSI (nach zwei Wochen: 1,69 ± 0.14; nach 4 Wochen: 1,72 ± 0,13), während sich der TSI bei der Kontrollgruppe ohne Instruktion nicht veränderte (nach zwei Wochen: 1,24 ± 0,27; nach 4 Wochen: 1,18 ± 0.34). Sechsundzwanzig der insgesamt 63 Probanden adaptierten die gezeigte Putzsystematik vollständig und erreichten TSI Werte von 1,74 ± 0,09. Die vorliegende Studie zeigt, dass kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den TSI Werten nach Systematikunterweisung und der vollständigen Adaptation dieser Zahnputzsystematik besteht. Alle instruierten Probanden systematisierten ihr Zahnputzverhalten nach Mundhygieneinstruktion entsprechend den oben genannten Systematikkriterien, unabhängig davon, ob die gezeigte Systematik perfekt umgesetzt werden konnte. Die größte Veränderung im Zahnputzverhalten ließ sich auf den Oralflächen beobachten, welche zu Studienbeginn generell nur rudimentär aufgesucht wurden (Putzdauer Oralflächen Baseline: 34,0 s ± 25,8 s). Nach Mundhygieneunterweisung wurden die Oralflächen mit einem deutlich höheren Zeitaufwand gereinigt (Putzdauer Oralflächen nach einmaliger Systematikunterweisung: 109,1 s ± 58,9 s), wodurch sich die Plaquemenge auf diesen Flächen ebenfalls reduzierte. Das starre Festhalten an definierten Putzreihenfolgen sollte zukünftig zu Gunsten flexibleren Mundhygieneinstruktionen überdacht werden. Der entwickelte TSI ist in der Lage systematisches Mundhygieneverhalten abzubilden, auch wenn es keiner konventionellen Systematikinstruktion folgt und erscheint daher zur Grundlagenforschung in Bezug auf die Entwicklung effektiver Methoden zur Verbesserung des Mundhygieneverhaltens ebenso geeignet wie für individuelle Trainingsprogamme.
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