Lebensqualität von Medizinstudenten : eine Studie zur Arbeitsbelastung, Gesundheit und der Bedeutung partnerschaftlicher Beziehungen im Medizinstudium

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Den Impuls für diese Arbeit gaben die Studien zum Gesundheitsverhalten und der Lebensqualität von Medizinern. Diese hatten erhebliche Belastungen der Gesundheit und Einbußen der Lebensqualität beschrieben. Auffällige Parallelen unter dem Aspekt der Arbeits- und Stressbelastung zeigten sich dabei zwischen der Situation von Medizinstudenten und der von Ärzten. Auch das bei Ärzten beschriebene überhöhte Maß an Arbeitseinsatz und Verausgabungsbereitschaft wurde ebenso für Medizinstudenten bestätigt. Der hierbei beschriebene Zusammenhang mit einem pathologischen Gesundheitsverhalten und erhöhten psychosozialen Risiken äußerte sich in psychischen Beeinträchtigungen, Substanzmissbrauch und Burnout. Zudem wurde eine im Vergleich zur Norm schlechtere psychische und physische Gesundheit festgestellt. Unter Betrachtung dieser Ergebnisse und der aktuellen Studienlage ergab sich die Frage, in wieweit die beeinträchtigte Sozialisation der Mediziner bereits im Studium besteht. Bisher existierenin diesem Kontext jedoch wenige Studien, die sich mit der Situation und insbesondere der Lebensqualität im Medizinstudium auseinandergesetzt haben. Ziel dieser Arbeit war es, die Lebensqualität bei Medizinstudenten auf spezifische Faktoren zu untersuchen und diese hinsichtlich ihrer Bedeutung auch für die späteren Berufsjahre einzuordnen. Im Vordergrund der Betrachtungen standen die sozialen Beziehungen der Studenten. Die partnerschaftlichen Beziehungen wurden dazu gesondert betrachtet und auf Zusammenhänge mit der Lebensqualität im Studium untersucht. Von besonderem Interesse waren auch die Zusammenhänge zwischen der Arbeitsbelastung und der Lebensqualität der Studenten sowie die unterschiedlichen Bewältigungskonzepte und Verhaltensstrategien im Umgang mit dem Studium. An der Justus-Liebig-Universität in Giessen wurden dazu Medizinstudenten des ersten bis 12 Studiensemesters in einer Querschnittsstudie befragt. Insgesamt wurden 250 Fragebogen ausgegeben, wobei mit 81,2% Rücklaufquote bei der Studienauswertung 203 gültige Fragebogen berücksichtigt werden konnten. Die Untersuchung setzte sich aus insgesamt fünf unterschiedlichenTestverfahren zusammen: Die subjektive Gesundheit wurde mit dem Fragebogen zum Gesundheitszustand (SF-36) und die Symptombelastung der Studenten mit der deutschen Version der Symptom Checkliste (SCL-90-R) untersucht. Die Untersuchung auf interpersonelle Probleme erfolgte mit dem IIP-D, dem Inventar zur Erfassung interpersonaler Probleme. Neben dem Fragebogen zu den Belastungen und Einstellungen von Medizinstudenten wurden die partnerschaftlichen Beziehungsmuster mit dem Beziehungsmusterfragebogen (BeMus-k) erhoben. Die Studienergebnisse zeigten eine subjektiv hohe Arbeitsbelastung im Medizinstudium. Im Vergleich zu den unteren Studiensemestern war eine geringere Arbeitsbelastung in den oberen Semestern zu beobachten, die jedoch mit einer geringeren Studienzufriedenheit und einer geringeren Lebensqualität im Studium einherging. Insgesamt lassen sich diese Ergebnisse als Hinweis für eine Akzeptanz der hohen Anforderungen im Studium und im Sinne einer Anpassungsreaktion betrachtet, die sich auch in einem veränderten Bewältigungsverhalten der Studenten widerspiegelte. Dieses war durch einen vermehrt leistungsorientierten und konkurrierenden Interaktionsstil und eine Reduktion der sozialen Unterstützung in den oberen Studiensemestern gekennzeichnet, der als Kennzeichen einer angepassten und erlernten Professionalisierung verstanden werden kann. Die Unterschiede zwischen den männlichen und weiblichen Studenten bezüglich der Bewältigungder enormen Leistungsvorgaben und Arbeitsbelastung im Studium, lassen sich offenbar auf die geschlechtstypischen Rollenkonzepte zurückführen. Im Vergleich zu Männern scheint sich die kommunikative und soziale Familienrolle der Frauen im Studium allerdings nachteilig für die Bewältigung der Anforderungen und Leistungsvorgaben auszuwirken. Dies äußerte sich in einer geringeren Lebensqualität und Studienzufriedenheit sowie in einer höheren Arbeitsbelastung bei weiblichen Studenten. Die von Männern beschriebene, deutlich höhere Lebensqualität und Studienzufriedenheit deutet hingegen auf eine höhere Passung mit der Studienrolle. Das stereotypische, maskuline Selbstkonzept ermöglicht offensichtlich eine bessere Anpassung an die Leistungsvorgaben des Studiums und bietet somit auch ein geringeres Konfliktpotential. Daneben scheint sich auch der vermehrt leistungsadaptierte und konkurrierende Typ-A Persönlichkeitsstil sowie die Reduktion der sozialen Unterstützung in der Bewältigung des Studiums in die leistungsorientierte Berufsrolle der Männer einzupassen. Während das berufliche Ansehen und der berufliche Erfolg hierbei in den Vordergrund gestellt werden, rücken emotionale und persönliche Belange in den Hintergrund. Im Gegensatz zu den Studenten der unteren Studiensemestern kann der von den oberen Studiensemestern beschriebene Bewältigungsstil im Umgang mit dem Studium als Kennzeichen der pathologischen Sozialisation im Studium betrachtet werden. Durch eine höhere Passung mit den Anforderungen und Leistungsvorgaben des Studiums scheint dieser offenbar einen stress- und konfliktärmeren Umgang mit dem Studium zu ermöglichen. Gleichzeitig kann die damit einhergehende Verschlechterung der psychischen und physischen Gesundheit und die geringere Lebensqualität der oberen Studiensemester, als Kehrseite dieser Anpassung verstanden werden.Trotz des positiven Einflusses sozialer Unterstützung verweisen die Ergebnisse insgesamt auf eine Belastung der Studenten durch partnerschaftliche Beziehungen. Dieses äußerte sich in einer höheren Arbeitsbelastung und in einer geringeren Studienzufriedenheit und Lebensqualität als bei Singles. Die im Vergleich zu den unteren Semestern deutlich geringere Partnerschaftszufriedenheit in den oberen Studiensemestern zeigte einen Zusammenhang mit einem leistungsorientierten, aggressiven und konkurrierenden Interaktionsverhalten, das als negatives Merkmal der Professionalisierung im Medizinstudium betrachtet werden kann. Die Ergebnisse dieser Arbeit zur Lebensqualität von Medizinstudenten sind alarmierend. Sie lassen den Schluss zu, dass das Medizinstudium in seiner jetzigen Form offensichtlich eine pathologische Sozialisation fördert, die als Wegbereiter für die schlechtere Lebensqualität und das gestörte Gesundheitsverhaltens bei Medizinern betrachtet werden kann. Parallelen zeigen die hier vorliegenden Ergebnisse auch zu anderen Studien, die ebenfalls hohe Belastung bei Medizinstudenten beschrieben haben. Durch die dargestellten Zusammenhänge zwischen der Lebensqualität, der Gesundheit, der Arbeitsbelastung und den sozialen Faktoren im Studium konnten Aspekte aufgezeigt werden, die offenbar einen Anteil an der Entwicklung der pathologischen Sozialisation nehmen. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollten Anlass für zukünftige Studien sein, sich der Thematik der beeinträchtigten Sozialisation und der Belastungen der Lebensqualität im Studium zu widmen. Neben der Durchführung von Vergleichsstudien an bundesdeutschen Hochschulen und Kollektiven von Medizinstudenten sollten auch Studien in anderen Studiendisziplinen erfolgen, um eine repräsentative Datenlage zu erzielen. Betrachtet man die bisherigen Reformschritte im Curriculum der Medizin, so ist anzunehmen, dass eine nachhaltige Verbesserung der bisherigen Situation nur schrittweise erzielt werden kann. Die Studien die eine Sensibilisierung und Bewusstmachung der Thematik der Lebensqualität in der Profession der Medizin geleistet haben, scheinen offenbar ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.

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