Ambulante Versorgung an der Psychosomatischen Universitätsambulanz Gießen – klinische Charakteristika, Diagnosen, Behandlungsanlässe, Behandlungsziele und Behandlungsmotivation im Vergleich von Patienten mit somatoformer Störung und Patienten ohne somatoforme Störung
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Zusammenfassung
Patienten mit einer somatoformen Störung stellen aufgrund der Prävalenz, der somatischen Fixierung und der hochfrequenten Inanspruchnahme des Gesundheitssystems eine besondere Herausforderung für Ärzte und Psychotherapeuten dar. Die vorliegende Studie hatte zum Ziel, Unterschiede von Patienten mit Diagnose einer somatoformen Störung (PSS) und Patienten ohne somatoforme Störung (PoSS) im Rahmen der Versorgung innerhalb der psychosomatischen Ambulanz darzustellen. Die Basisdokumentation der Psychosomatischen Ambulanz der Universität in Gießen von n = 1080 Patienten im Jahr 2010 wurde retrospektiv quantitativ bezüglich der klinischen Charakteristika, der Diagnosen, der Motivation und Behandlungsempfehlungen ausgewertet. In einer qualitativen Analyse wurden Behandlungsanlässe erfasst und Kategorien zugeordnet. Die Behandlungsziele wurden mit dem gering modifizierten "Bern Inventory of Treatment Goals“ von Grosse und Grawe (2002) klassifiziert und durch ein Doppelratingverfahren zugeordnet. Es wurde bei 10,8 % der Patienten eine somatoforme Störung als Hauptdiagnose diagnostiziert. Sie bildeten die vierthäufigste Kategorie nach den depressiven Störungen mit 27,0 %, Anpassungsstörungen mit 20,1 % und Angststörungen mit 12,5 %. PSS zeigten im Vorfeld längere Arbeitsunfähigkeitszeiten und eine höhere Inanspruchnahme medizinischer Leistungen. Ihre Therapiemotivation wurde von den Therapeuten geringer als für die PoSS eingeschätzt. Sie bekamen mehr stationäre als ambulante Psychotherapie und mehr psychodynamische Psychotherapie als Verhaltenstherapie empfohlen. Die häufigsten von den Patienten berichteten Behandlungsanlässe waren bei PoSS depressive Beschwerden (31,4 %), Angst (22,7 %) und Probleme im sozialen Umfeld (21,8 %). PSS beklagten zu etwa zwei Drittel am häufigsten psychosomatische Beschwerden (64,0 %). Die häufigsten Behandlungsziele waren bei beiden Gruppen Ziele der Problem- und Symptombewältigung (76,6 % der PSS und 53,0 % der PoSS), wobei die PSS die Ziele der Problem- und Symptombewältigung signifikant häufiger angaben. PoSS berichteten häufiger über interpersonelle Ziele und Ziele der Selbstentwicklung. Die psychosomatische Ambulanz bildet eine wichtige Schnittstelle im Versorgungssystem von Patienten mit somatoformen Störungen. Die erzielten Ergebnisse unterstreichen die Besonderheiten dieser Patienten, die bei der Erstuntersuchung berücksichtigt werden sollten, um eine ausreichende Motivation für eine empfohlene Psychotherapie zu erreichen.