Der Prolapsus vaginae ante partum (a.p.) ist ein seit langem bekanntes Krankheitsbild bei Schafen im letzten Drittel der Gravidität. Trotz umfangreicher Forschung konnte bisher keine befriedigende Erklärung der speziespezifisch signifikanten Häufung dieser antepartalen Störung gegeben werden.
Ziel dieser Studie war es deshalb, neben der Überprüfung der Elektrolythomöostase und der endokrinologischen Situation weitere Erklärungsansätze der Pathogenese des ovinen Vaginalprolaps a.p. zu erhalten. Mittels einer Expressionsstudie wurde der Bindegewebsstoffwechsel erkrankter Schafe mit dem gesunder, hochgravider Tiere und den Verhältnissen intra partum (i.p.) verglichen. Die Überprüfung der Hypothese einer lokal erhöhten Östrogenwirkung bei erkrankten Probanden erfolgte anhand der mRNA-Expression des Östrogenrezeptors alpha. Zusätzlich wurde die Struktur der Vaginalwand von hochgraviden Schafen mit und ohne Vaginalprolaps und Tieren i.p. histologisch analysiert.
Hierzu wurden von 5 hochgraviden, gesunden Probanden, 4 Schafen i.p. und 6 Tieren mit einem Prolapsus vaginae a.p. Blutproben und Biopsien der Vaginalwand entnommen. Aus dem Blutplasma erfolgte die Bestimmung der Elektrolyte Kalzium, anorganisches Phosphat, Magnesium und Natrium sowie der Konzentration der Steroidhormone Progesteron und Östradiol-17 beta. Die molekularbiologischen Untersuchungen wurden mit Hilfe einer RT-PCR durchgeführt und beinhalteten die Analyse der Genexpression der alpha 2-Kette des Kollagen I, der kollagenolytischen MMP 1, deren Inhibitor TIMP 1 und des Östrogenrezeptors alpha.
Bei den Tieren mit Vaginalprolaps a.p. lag eine subklinische Hypokalzämie vor. Die Differenzen zwischen den drei Gruppen erwiesen sich jedoch als statistisch nicht signifikant. Auch die Elektrolyte Phosphat, Magnesium und Natrium zeigten keine statistisch abzusichernden Gruppenunterschiede. Die mittlere Konzentration des Progesterons erkrankter Probanden lag höher als bei den Kontrolltieren a.p. und i.p.; allerdings ergab sich keine statistische Signifikanz dieser Unterschiede. Für Östradiol-17 beta konnte eine statistisch nicht abzusichernde Erhöhung der peripheren Plasmawerte bei Tieren mit einem Prolapsus vaginae a.p. gegenüber der graviden Referenzgruppe ermittelt werden.
Die Expressionsstudien ergaben einen Hinweis auf einen antepartal veränderten Kollagenmetabolismus bei Schafen mit einem Vaginalprolaps. Die Expressionsrate der alpha 2-Kette des Kollagen I war in prolabiertem Gewebe statistisch signifikant niedriger als bei der hochgraviden Kontrollgruppe (p < 0,01). Tendenziell unterschied sich der mittlere mRNA-Gehalt der MMP 1 und des TIMP 1 betroffener Probanden von dem gesunder, hochgravider Tiere durch ein höheres beziehungsweise niedrigeres Niveau. Eine statistische Absicherung der Ergebnisse gelang nicht. Der Östrogenrezeptor alpha wurde von Schafen mit einem Prolapsus vaginae statistisch signifikant geringer exprimiert als von gesunden Tieren a.p. (p < 0,01). Zwischen den Verhältnissen i.p. und bei Vorliegen eines antepartalen Vaginalprolaps konnten keine statistisch signifikanten Unterschiede ermittelt werden.
Die lichtmikroskopisch nachvollziehbaren Differenzen bezogen sich vor allem auf die Höhe und Gestalt des vaginalen Epithels. Subepitheliale Abschnitte der Vaginalwand zeigten nur i.p. eine geringe Ödematisierung, die den anderen Gruppen fehlte. Das Epithelium vaginae stellte sich bei Schafen mit einem antepartalen Vaginalprolaps am höchsten heraus (p < 0,0001). Begründet wurde dieser Unterschied durch eine Hyperplasie des Vaginalepithels, die bei erkrankten Individuen durch eine statistisch signifikante Zunahme der Zellagen gekennzeichnet war (p < 0,0001).
Die eigenen Ergebnisse bezüglich der Elektrolythomöostase und dem Steroidhormonhaushalt bestätigen die in der Literatur bekannten Verhältnisse bei Schafen mit einem Prolapsus vaginae a.p.. Aufgrund der neuen Erkenntnisse der Expressionsstudien kann davon ausgegangen werden, daß in der Ätiologie der Erkrankung eine Störung im vaginalen Bindegewebsstoffwechsel vorliegt. Eine lokale hyperöstrogene Wirkung innerhalb des Vaginalgewebes durch eine generelle Überexpression des Rezeptors muß aufgrund der Resultate als ätiologischer Faktor abgelehnt werden. Auch histologisch fanden sich keine Anzeichen einer Östrogenisierung des vaginalen Gewebes erkrankter Schafe.
Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen