Im Fokus der vorliegenden Untersuchungen lagen kognitive Prozesse des Textverständnisses. Um ein elaboriertes mentales Textmodell zu erstellen, sind verschiedene Teilprozesse notwendig (Kintsch, 1998). Ein wichtiger Prozess ist die Verknüpfung von Textinhalten untereinander und mit dem Wissen des Lesers - die Inferenzbildung. Graesser, Singer und Trabasso (1994) schlugen die Nutzung von Blickbewegungskameras vor, um Inferenzbildung sichtbar zu machen. Bisher wurde dieser Vorschlag wenig beachtet. Obwohl Einflussfaktoren auf die Blickbewegung während des Lesens vielfach untersucht wurden (vgl. Rayner, 1998), bleibt deren Rolle für das Textverständnis bestenfalls unklar. Manche Autoren haben über einen negativen Zusammenhang zwischen der mittleren Fixationsdauer und dem Leseverständnis berichtet (Tinker, 1936, Underwood, Hubbard &
Wilkinson, 1990, Weber, Wood, Gole &
Brown, 2011). Einen ersten Ansatz für ein näheres Verständnis bieten die Ergebnisse von Burton und Daneman (2007). Diese weisen darauf hin, dass eine geringe Arbeitsgedächtniskapazität durch eine längere Verweildauer auf relevanten Textstellen kompensiert werden kann. Allerdings beschränkte sich dies hauptsächlich auf Teilnehmer mit komplexen epistemologischen Überzeugungen. Zentrales Ziel der vorliegenden Arbeit war damit zu prüfen, in wieweit die Blickbewegung der Augen während des Lesens einen Ansatz bietet, um kognitive Prozesse, welche zum Textverständnis beitragen, zu erfassen. Darüber hinaus wurde der Zusammenhang zwischen Merkmalen des Lesers und dessen Blickbewegung untersucht.In zwei studentischen Studien und einer Studie mit Schülern der 6. Klasse ergaben sich keine Hinweise auf einen kompensatorischen Effekt durch eine längere Verweildauer auf relevanten Textstellen bei Teilnehmern mit einer geringen Arbeitsgedächtniskapazität. Hingegen deutete eine längere Verweildauer bei guten Lesern auf Probleme im Textverständnis hin. Innerhalb der untersuchten Blickbewegungsparameter bot somit die Verweildauer den besten Ansatz, um Top-Down-Prozesse zu erfassen. Auch in den vorliegenden Studien konnte ein negativer Zusammenhang zwischen der mittleren Fixationsdauer und der Textwiedergabe gefunden werden. Dieser kann am besten durch automatisierte Bottom-Up-Prozesse erklärt werden, die individuelle Lesermerkmale repräsentieren.Zusammenfassend lässt sich schließen, dass Blickbewegung, unter der Berücksichtigung von Lesermerkmalen, als Marker für die kognitive Verarbeitung beim verstehenden Lesen genutzt werden kann.
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