Indikation zur adjuvanten antibiotischen Therapie bei der chirurgischen Behandlung von Logenabszessen im Kopf-Hals-Bereich : eine retrospektive Analyse
Die chirurgische Inzision und das Einlegen einer Drainage gelten bei fortgeschrittenen odontogenen Abszessen auch heute noch als Goldstandard. Oftmals wird der Patient zusätzlich mit einer begleitenden Antibiotikatherapie behandelt. Diese erfolgt jedoch aus zeitlichen Gründen nicht gezielt nach einem Erregernachweis, sondern vielmehr kalkuliert. Es stellt sich die Frage, ob die adjuvante Antibiotikatherapie zu einer schnelleren Genesung des Patienten führt und somit eine Verkürzung der Gesamttherapie zur Folge hat oder gar den Krankheitsverlauf verlangsamt. Im Rahmen dieser retrospektiven Studie wurden im Zeitraum vom 01.01.2008 bis zum 05.08.2014 alle Patienten der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Gießen mit einem in Narkose inzidiertem dentogenem Logenabszess ermittelt. Mit Hilfe des klinischen Informationssystems KAOS und der ambulanten Akten wurden die Parameter Abszessart, Art des Pusflusses, Krankenhausverweildauer, CRP, Zeit bis zur Drainagenentfernung und zur Streifenentfernung erhoben. Somit ergaben sich bezüglich der adjuvanten Antibiotikatherapie 2 Gruppen. Eine Versuchsgruppe, welche ohne eine adjuvante Antibiotikatherapie behandelt wurde und eine Kontrollgruppe, welche eben diese erhielt. Diese 2 Gruppen wurden hinsichtlich der Liegedauer und der ambulanten Nachbehandlung miteinander verglichen. Unterschiede zwischen den Gruppen wurden mit dem Chi-Quadrattest nach Pearson, dem Mann-Whitney-U-Test und dem Kruskal-Wallis-Test ermittelt, die in Zusammenarbeit mit dem Institut für medizinische Statistik durchgeführt wurden. Es konnten 206 Patienten ermittelt werden, von denen 68 Patienten die Versuchsgruppe bildeten, welche ohne begleitende i.v. Antibiotikatherapie behandelt wurden und 138 Patienten die Kontrollgruppe, welche eben diese erhielt. Im gesamten Patientenkollektiv kam der submandibuläre Logenabszess gefolgt vom perimandibulären Logenabszess am häufigsten vor. Dies spiegelte sich sowohl in der Versuchs- als auch in der Kontrollgruppe wider. Um einen Anhalt für die Erkrankungsschwere zu ermitteln wurden die CRP-Werte der beiden Patientengruppen miteinander verglichen. Hierbei konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen ermittelt werden. Somit gab es laborbiochemisch keinen Anhalt für eine stärkere Ausprägung der Erkrankung in einer der beiden Gruppen. Der Median der Krankenhausverweildauer betrug insgesamt fünf Tage. Betrachtet man die Versuchs- und die Kontrollgruppe jeweils gesondert, fällt auf, dass die Versuchsgruppe mit lediglich 4 Tagen deutlich früher entlassen werden konnte, als die Kontrollgruppe, welche 6 Tage auf Station verbracht hat. Bei den Variablen der ambulanten Nachbehandlung (Entfernung der EasyflowDrainage, Entfernung der Streifendrainage) zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen. Den Patienten der Versuchsgruppe wurde im medianen Schnitt 13 Tage nach der chirurgischen Inzision die Easyflow-Drainage und nach 20 Tagen der Streifen entfernt. In der Kontrollgruppe sind sehr ähnliche Werte zu finden. 12 Tagen nach chirurgischer Inzision wurde die Drainage entfernt und nach ebenfalls 20 Tagen postoperativ der Streifen. Auch im Hinblick auf die Art des Pusflusses gab es keinen signifikanten Unterschied was die Krankenhausverweildauer anbelangt. Die Untergruppen Pus , putrides/bröckliges Sekret und kein Pus zeigten keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Krankenhausverweildauer. Die Studie untermauert die Hypothese, dass in vielen Fällen nach erfolgter chirurgischer Inzision eines Abszesses im Kopf-Hals-Bereich auf eine adjuvante Antibiotikatherapie verzichtet werden kann. So hat die Untersuchung gezeigt, dass eine adjuvante, intravenös verabreichte Antibiotikatherapie nach erfolgter chirurgischer Abszessinzision nicht zu einer Verkürzung der weiteren Therapie geführt hat. Es konnte sogar beobachtet werden, dass die Patienten, die eine adjuvante Antibiotikatherapie erhielten eine signifikant längere Aufenthaltsdauer im Krankenhaus zeigten. Damit muss die zusätzliche intravenös verabreichte Antibiotikatherapie bei Patienten mit ausgedehnten odontogenen Infektionen nach der erfolgreichen Durchführung einer Abszessinzision kritisch gesehen werden. Die Ergebnisse dieser retrospektiven Studie sollten durch eine folgende prospektive Studie untermauert werden.
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