Die Lebersche kongenitale Amaurose (LCA) ist eine Form der hereditären frühkindlichen Netzhautdystrophie. Bei den betroffenen Patienten kommt es bereits im frühesten Kindesalter zu schweren degenerativen Veränderungen der Retina, die zu einem beträchtlichen Visusverlust und stark verminderten Antworten im Elektroretinogramm (ERG) führen. Ca. 70 % der Erkrankungsfälle lassen sich durch die derzeit 23 bekannten Gene erklären, welche im Falle einer Mutation eine LCA verursachen. Mutationen im RD3-Gen werden autosomal-rezessiv vererbt und führen zu einem besonders schweren Krankheitsverlauf (LCA Typ 12). Die ersten RD3-Patienten konnten 2006 und 2012 beschrieben werden.In der vorliegenden Arbeit wurden DNA-Proben eines systematisch ausgewählten Kollektivs von 88 Netzhautdystrophie-Patienten auf Mutationen im RD3-Gen untersucht, um eine Aussage zur Häufigkeit solcher Mutationen als Ursache der LCA zu treffen. Die in das Screening eingeschlossenen Patienten wurden dabei nach zwei unterschiedlichen Aspekten ausgewählt:1. In der Annahme einer Genotyp-Phänotyp-Korrelation bei Patienten mit RD3-Mutationen wurden aus der Datenbank des Labors für Molekulare Ophthalmologie in Gießen gezielt 32 Patienten (mit noch unbekannter Krankheitsursache) ausgewählt, die den bereits beschriebenen RD3-Patienten in ihren klinischen Befunden (insbesondere hinsichtlich Visusverlust und ERG) möglichst ähnelten, sowie weitere 33 Patienten mit schweren Netzhautdystrophien außerhalb dieses engen Rasters (Patientengruppe 1).2. Ferner wurden 23 Patienten mit Sequenzänderungen im GUCY2D-Gen (ursächliches Gen für LCA Typ 1) auf zusätzliche RD3-Mutationen untersucht (Patientengruppe 2). Da die Genprodukte von RD3 und GUCY2D im Rahmen der Phototransduktion in den Photorezeptoren interagieren, vermuteten wir, dass RD3-Mutationen möglicherweise einen Einfluss auf den Schweregrad des klinischen Erscheinungsbildes von GUCY2D-Patienten ausüben könnten.In dieser gezielten Auswahl der Patienten nach phänotypischen bzw. genotypischen Kriterien unterscheidet sich die vorliegende Arbeit ebenso von den vorangehenden RD3-Screening-Studien wie in der ethnischen Zusammensetzung des hier untersuchten Patientenkollektivs, welche einen weiteren möglichen Einflussfaktor auf die Häufigkeit von RD3-Mutationen darstellt.Das RD3-Gen der betreffenden Patienten wurde zunächst durch Polymerasekettenreaktion amplifiziert, dann mittels Agarosegel-Elektrophorese isoliert und anschließend sequenziert. Dabei wurden im untersuchten Patientenkollektiv bei 34 der 88 Patienten Sequenzänderungen im RD3-Gen identifiziert. Dabei handelte es ich um sieben unterschiedliche Veränderungen der Basenfolge: c.5A>T (p.H2L), c.141C>T (p.R47C), c.170G>T (p.G57V), c.296+28G>A, c.297-124G>A, c.297-86A>T und c.486C>T. Die gefundenen Sequenzänderungen kamen allerdings in keinem der Fälle als Ursache der vorliegenden Netzhautdystrophie in Frage, da es sich um unwirksame Polymorphismen (in Form von heterozygoten Veränderungen bzw. Veränderungen innerhalb von Introns) handelte.Dieses Ergebnis legt nahe, dass Mutationen im RD3-Gen als eine extrem seltene Ursache der LCA anzusehen sind und steht damit im Einklang mit den Aussagen bisheriger Studien.
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