Analyse der lokomotorischen Aktivität von Mastschweinen mittels VideoMotionTracker® unter Beachtung des sozialen Status
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Zusammenfassung
Ziel dieser Arbeit war es festzustellen, welche Wegstrecken Mastschweine im Verlauf einer Mastperiode innerhalb von 24 h zurücklegen und ob die Größe der Gruppe, die Position der Schweine innerhalb der Gruppenhierarchie sowie weitere Parameter einen Einfluss auf die Länge der zurückgelegten Wegstrecken ausüben. In einer methodischen Voruntersuchung wurde hierfür zunächst die neu entwickelte Software VideoMotionTracker® der Firma Mangold International GmbH zur computergestützten Wegstreckenmessung an Videoaufzeichnungen von 32 Saugferkeln im Alter von 9 Tagen, aufgezeichnet unter standardisierten Bedingungen in einem open field, validiert.Für die weitere Untersuchung wurden in 20 Durchgängen durch Videotechnik, die agonistischen Interaktionen von 480 Absetzferkeln, aufgestallt in 12er Gruppen, über einen Zeitraum von 72 h nach dem Absetzen aufgezeichnet und in einer 12 x 12 Sieger-Verlierer-Matrix erfasst, wobei in den Zeilen die Sieger und in den Spalten die Verlierer aufgetragen wurden. Diese diente als Grundlage zur Analyse des Auftretens agonistischer Interaktionen innerhalb der Aufzuchtgruppe. Mit Hilfe der Software MatMan 1.1 wurden im Anschluss soziometrischer Kenngrößen auf Ebene der Gruppe, der Dyade und des einzelnen Tieres berechnet. Dieselben Schweine wurden bei der Einstallung in den Mastbereich neu gruppiert, in 6er bzw. 12er Gruppen aufgestallt und erneut 72 h videoüberwacht, um das Auftreten agonistischer Interaktionen auch im Mastbereich zu erfassen. Im weiteren Verlauf wurden 220 der eingestallten Schweine auf Grundlage ihres erreichten Rangplatzes innerhalb der Mastgruppe als Fokustiere für die Ermittlung der in 24 h absolvierten Wegstrecken ausgewählt. Mit Hilfe der Videotechnik erfolgten eine weitere Aufzeichnungen über 2 x 24 h zu den folgenden Zeitpunkten im Verlauf der Mastperiode: Mastbeginn: 2 Wochen nach der Einstallung in den Mastbereich Mastmitte: 6 Wochen nach der Einstallung in den Mastbereich Mastende: 10 Wochen nach der Einstallung in den MastbereichIm Anschluss wurden die innerhalb von 24 h zurückgelegten Wegstrecken dieser Fokustiere mit der VMT®-Software vermessen und analysiert. Weiterhin erfolgte vor der Einstallung in den Aufzucht- bzw. Mastbereich sowie nach den Videoaufzeichnungen zur Analyse des Auftretens agonistischer Interaktionen eine einzeltierbezogene Bonitur des Integuments. Anhand einer Bewertungsskala von 0 bis 3 wurden die Körperregionen Kopf, Ohren, Hals / Schulter, Flanke und Schinken bonitiert, um den Grad der im Rahmen von Rangordnungskämpfen auftretenden Verletzungen zu erfassen.Auftreten agonistischer Interaktionen und Berechnung soziometrischer KenngrößenInsgesamt wurden in 20 Durchgängen in jeweils 2 Gruppen mit 12 Absetzferkeln 11.763 agonistische Interaktionen erfasst. Nach Neugruppierung und Einstallung in den Mastbereich (je Durchgang 2 Gruppen mit 6 Tieren sowie eine 12er Gruppe) wurden 7.825 agonistische Interaktionen analysiert.Zu Beginn der Aufzuchtperiode traten mit 28,5 AI signifikant mehr Interaktionen auf als nach der Neugruppierung und Einstallung in den Mastbereich, wo durchschnittlich nur 17,5 AI zur Etablierung der Hierarchie gezeigt wurden. Zwischen männlichen und weiblichen Tieren zeigte sich nach dem Absetzen ein Unterschied von durchschnittlich 2 AI, während im Mastbereich im Mittel mit 17,8 bzw. 17,1 AI alle Schweine auf gleichem Niveau agierten.In Gruppen mit tendenziell schwereren Absetzferkeln zeigten sich mit 31,4 AI 3 Kämpfe mehr als in Gruppen mit leichteren Tieren. Innerhalb der Mastperiode traten in Gruppen mit 6 Schweinen im Mittel 18,2 AI auf, während in Gruppen mit 12 Tieren 16,7 Interaktionen erfasst wurden. Auch die unterschiedliche Zusammenstellung der 6er Gruppen hatte einen Einfluss auf die Anzahl der agonistischer Interaktionen. Der Vergleich ergab für Gruppen, gebildet aus Wurfgeschwistern, 1,7 Interaktionen mehr als für Gruppen aus 2 x 3 fremden Tieren. Anhand der erfassten agonistischen Interaktionen wurde auf Einzeltierebene für jedes Schwein einer Gruppe ein tierindividueller Rangindex berechnet. Dieser ermöglichte eine Zuordnung der Individuen zu einer bestimmten Rangposition in der Gruppe. Im Anschluss konnten die Tiere anhand dieser Rangzahl und abhängig von der Gruppengröße in drei Rangklassen (Rangplatz 1 bzw. 1&3 = ranghoch; Rangplatz 3 bzw. 6 = rangmittel; Rangplatz 6 bzw. 9&12 = rangnieder) eingeteilt werden. Ranghohe Schweine waren in beiden Haltungsabschnitten, mit 34,5 AI in der Aufzucht und 19,1 AI in der Mast, an signifikant mehr agonistischen Interaktionen beteiligt als rangniedere oder rangmittlere Tiere.Auch die Lebendmasse der Tiere zeigte, neben den weiteren Parametern Durchgang und Untersuchungsgruppe, sowohl in der Aufzucht als auch in der Mast, einen Einfluss auf die Rangklasse. Je schwerer ein Schwein beim Absetzen bzw. der Masteinstallung war, desto höhere Rangplätze belegte es in der Gruppe. So wogen ranghohe Ferkel nach dem Absetzen mit 8,9 kg signifikant mehr als rangniedere Ferkel mit 7,2 kg. In der Mastperiode ergab sich ein ähnlicher Zusammenhang, da ranghohe Tiere mit 23,7 kg insgesamt 3 kg mehr Lebendmasse aufwiesen als rangniedere Tiere mit 20,7 kg. Die berechneten Korrelationen zwischen den Lebendmassen und der Rangklasse waren höchstsignifikant negativ.Die linearitätsanzeigenden Parameter wiesen sowohl in der Aufzucht als auch in der Mast niedrige Werte auf. Mit h = 0,40; h´= 0,46 und K = 0,38 war die soziale Hierarchie innerhalb der betrachteten Aufzuchtgruppen offensichtlich weniger linear. Auch im Mastabschnitt nahmen die Parameter nur wenig höhere Werte an (h = 0,51; h´= 0,59; K = 0,49). Die Betrachtung der soziometrischen Kenngrößen, getrennt nach Größe der Gruppe, zeigte eine größere Linearität der Gruppenhierarchie in 6er Gruppen (h = 0,63; h´= 0,70; K = 0,60). In Gruppen mit 12 Tieren deuteten die ermittelten Werte, h = 0,28, h´= 0,37 und K = 0,27, hingegen auf eine wenig linear ausgeprägte Hierarchie hin. Der Direktionaler Konsistenzindex von DCI = 0,69 in der Aufzucht und DCI = 0,75 in der Mast spiegelt die deutliche Unidirektionalität innerhalb der dyadischen Beziehungen wider.Analyse der BoniturergebnisseIn beiden Haltungsabschnitten wiesen die Körperregionen Ohren und Hals/Schultern die meisten, durch Rangordnungskämpfe bedingten, Verletzungen auf. Tiere mit einer höheren Lebendmasse hatten dabei einen höheren Verletzungsgrad, auch wenn das Verletzungsniveau über den gesamten Haltungsabschnitt mit einem maximalen kumulativen Boniturindex von kBI = 5,63 in der Aufzucht und kBI = 6,10 in der Mast (der maximal zu erreichende Wert lag bei 30) insgesamt sehr niedrig war.Analyse der zurückgelegten WegstreckenInsgesamt standen für die Analyse der Wegstrecken 6.624 h Videomaterial aus 20 Durchgängen zu unterschiedlichen Mastabschnitten (Mastanfang, Mastmitte, Mastende) zur Verfügung und wurden mit der Software VMT® ausgewertet. Durch die Bildung von Mittelwerten aus auf zwei aufeinanderfolgenden Tagen über jeweils 24 h absolvierten Wegstrecken eines ausgewählten Fokustieres wurden kurzfristig auftretende Unruhen im laufenden Lehr- und Stallbetrieb ausgeglichen.Neben dem Untersuchungsdurchgang zeigte insbesondere der Mastabschnitt einen signifikanten Einfluss auf die Länge der absolvierten Wegstrecken. Im Durchschnitt legten Mastschweine, betrachtet über alle Durchgänge und Gruppen hinweg, zu Mastbeginn mit 730 m in 24 h die längsten Strecken zurück. In der Mitte der Mastperiode verringerte sich die Strecke auf durchschnittlich 501 m, während am Mastende im Mittel 315 m absolviert wurden. Der höchste gemessene Streckenwert bei Einzeltieren wurde mit 1.823 m zum Zeitpunkt des Mastbeginns, der geringste Wert zum Ende der Mastperiode mit 71 m erfasst. Diese Ergebnisse sind sehr eng mit der Lebendmasseentwicklung der Mastschweine verbunden. Es zeigte sich, dass mit einer Zunahme der Lebendmasse die in 24 h zurückgelegten Wegstrecken eines Mastschweins über den gesamten Haltungsverlauf signifikant kürzer wurden. Zu Beginn der Mastperiode bewirkte eine Zunahme von 1 kg im Mittel eine Reduzierung der Wegstrecke um 15,82 m. Zur Mastmitte verringerte sich die Strecke um 8,36 m, während eine Lebendmassezunahme von 1 kg am Mastende zu einer Verkürzung der Strecke um 5,13 m führte. Fokustiere, die in 6er Gruppen eingestallt waren, legten über den gesamten Verlauf der Mastperiode signifikant kürzere Wegstrecken zurück als Fokustiere aus 12er Gruppen. Am Anfang der Mastperiode absolvierten sie durchschnittlich 650 m, während Fokustiere aus 12er Gruppen 828 m zurücklegten. In der Mitte der Mast reduzierten sich die Wegstrecken in beiden Gruppengrößen (6er Gruppen = 436 m; 12er Gruppen = 584 m). Die Wegstrecken am Mastende zeigten im Mittel eine Länge von 282 m bzw. 357 m. Auch die getrennte Betrachtung der unterschiedlich zusammengestellten 6er Gruppen zeigte signifikante Unterschiede hinsichtlich der Längen der absolvierten Wegstrecken. Fokustiere aus 6er Gruppen, zusammengestellt aus 2 x 3 fremden Tieren, legten mit 639 m zu Mastbeginn signifikant geringere Strecken zurück als Wurfgeschwistergruppen mit 660 m. In der Mitte sowie am Ende der Mast liefen hingegen Schweine aus Wurfgeschwistergruppen mit 367 m bzw. 253 m die geringsten Strecken. Fokustiere aus Gruppen mit 2 x 3 fremden Tieren bewältigten 420 m bzw. 272 m. Um einen möglichen Einfluss des Genotyps auf die Länge der Wegstrecken nachweisen zu können, wurden die Schweine in insgesamt 6 Klassen eingeteilt. 83,5 % der Fokustiere waren Hybriden aus Zwei- oder Mehrfachkreuzungen. Nur 16,5 % der Tiere waren reinrassig und gehörten der Rasse Deutsches Edelschwein (DE) oder Deutsche Landrasse (DL) an. Tiere der Rasse DL absolvierten mit 999 m zu Mastbeginn, 593 m in der Mitte der Mast sowie 390 m am Mastende die längsten Strecken, während Kreuzungstiere der Rasse DE x DL die kürzesten Wegstrecken im Mastverlauf zurücklegten.Geschlecht und Rangposition der Fokustiere zeigten keinen signifikanten Einfluss auf die Länge der Wegstrecken. Tendenziell lässt sich dennoch festhalten, dass weibliche Fokustiere während der gesamten Mastperiode im Mittel, allerdings statistisch nicht abzusichern, längere Wegstrecken absolvierten als ihre männlichen Buchtenpartner.FazitMit der neu entwickelten und validierten Software VideoMotionTracker® steht, unter der Voraussetzung, dass die gesamte Auswertungsfläche einsehbar und observierbar ist, eine Möglichkeit zur Verfügung, um zurückgelegte Wegstrecken von Tieren, gehalten unter konventionellen Bedingungen, zuverlässig und computergestützt zu erfassen. Die Nutzung von Infrarot-Videotechnik ermöglicht den Einsatz auch bei nachtaktiven Tieren und in Dunkelperioden. Auf dieser Grundlage sind vielfältige Anwendungen im Bereich der Nutztierethologie vorstellbar.In der eigenen Untersuchung konnten erstmals zurückgelegte Wegstrecken von Schweinen, gehalten unter konventionellen Haltungsbedingungen im Stall, ermittelt werden. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede hinsichtlich der im Stall gemessenen Wegstrecken und den in bereits vorhandenen Untersuchungen geschätzten Werten. Insbesondere der Zeitpunkt in der Haltungsperiode sowie die Gruppengröße beeinflussten die Länge der zurückgelegten Wegstrecken. Im Verlauf der Mastperiode verringerten sich die absolvierten Wegstrecken von Beginn der Mast bis zum Ende um 57 %. Schweine aus 6er Gruppen liefen über den gesamten Verlauf deutlich kürzere Strecken in 24 h als Schweine aus Gruppen mit 12 Tieren. Auch die Lebendmasse und der Untersuchungsdurchgang wirkten sich, unabhängig von der Größe oder Zusammenstellung der Mastgruppen, auf die zurückgelegten Wegstrecken pro Tier und Tag aus.Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen
Beschreibung
Anmerkungen
Erstpublikation in
Giessen : VVB Laufersweiler
