Das Stimmlippenkarzinom ist eine häufige Tumorerkrankung des Kopf-Hals-Bereiches. Eine Heiserkeit ist ein frühes Symptom und führt dazu, dass viele Patienten bereits im frühen Tumorstadium behandelt werden können. Zur Tumorkontrolle kommt die Operation oder eine perkutane Strahlentherapie mit gleichwertigen onkologischen Ergebnissen in Betracht. In Deutschland wird häufig die Operation zur Tumortherapie durchgeführt. Bei den Operationen wird, wenn möglich, eine endoskopische Tumorentfernung aus dem Kehlkopf durchgeführt. Wenn dies nicht möglich ist, kann alternativ eine offene Operation mit Hautschnitt und Tumorentfernung durch das eröffnete Larynxskelett durchgeführt werden. Dieser Eingriff hat jedoch anerkannt mehr Komplikationen als die endoskopische Operation.Das Ziel der vorliegenden Studie ist es, die beiden operativen Verfahren hinsichtlich onkologischem und funktionellem (Stimmqualität) Outcome sowie hinsichtlich Komplikationen zu vergleichen. Diese Analyse wird monozentrisch durch die hohe Zahl offen chirurgisch durchgeführter Operationen am Universitätsklinikum Gießen ermöglicht.Es wurden alle Patienten mit frühem Stimmlippenkarzinom, die zwischen 2003 und 2013 in der HNO-Abteilung des Universitätsklinikums behandelt wurden (n=238) eingeschlossen und ausgewertet. Die Patientendaten wurden zunächst aus dem Gießener Tumordokumentationssystem akquiriert sowie weiterhin aus elektronischen stationären Akten vervollständigt. 219 der 238 Patienten wurden demnach primär operativ behandelt, davon 51 offen chirurgisch. Die statistische Auswertung erfolgte mit dem Statistikprogramm SPSS durch Kaplan-Meier-Kurven, Log-Rank-Tests, Cox-Regressionen sowie durch Chi-Quadrat-Tests. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse von 65 Patienten aus prä- und postoperativ erhobenen Stimmanalysen ausgewertet, davon wurden 22 offen chirurgisch operiert.Nach Auswertung der Daten kann im Gesamtüberleben statistisch kein Nach- und kein Vorteil für offen chirurgisch behandelte Patienten beobachtet werden. Das 5-Jahres Gesamtüberleben beträgt nach offener und endoskopischer Operation 92% bzw. 78%. Nach Behandlung von größeren Tumoren (T1b, T2) erzielte die offene Operation jedoch einen Überlebensvorteil (92% vs. 67% nach endoskopischer Operation im 5-Jahres Überleben). Hinsichtlich des Rezidiv freien Überlebens sind beide Verfahren vergleichbar; lediglich bei größeren Tumoren wurde ein höheres Rezidivauftreten beobachtet als bei T1a-Tumoren, unabhängig vom Operationsverfahren. Nach Auswertung des peri- und postoperativen Verlaufs zeigte sich ein deutlicher Nachteil der offen chirurgischen Therapie im Hinblick auf die Dauer der stationären Aufenthaltszeit, auf die Häufigkeit an Tracheotomien und das Verweilen einer Magensonde, sowie das Auftreten von Emphysemen. Der Bedarf an Re-Operationen bestand in beiden Gruppen bei etwa 50% der Patienten, wobei darunter sowohl Eingriffe zur Tumorkontrolle als auch stimmverbessernde Operationen fallen. Im Vergleich der stimmfunktionellen Ergebnisse zeigt sich das offen chirurgische Verfahren dem endoskopischen als gleichwertig. Negativer Faktor für das stimmliche Ergebnis ist vielmehr die Tumorgröße und damit der Substanzdefekt postoperativ. Außerdem verzeichnen die postoperativen Werte generell schlechtere Ergebnisse als bei präoperativer Datenerhebung. Dagegen zeigt die Selbsteinschätzung der Patienten (gemessen an der visuellen Analogskala) als einziger Parameter tendenziell eine Verbesserung durch den Eingriff. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass das offen chirurgische Verfahren onkologisch nicht besser ist und es eine höhere Komplikationsrate hat jedoch sind die Funktionsergebnisse nicht schlechter. Daher kann dieses Verfahren weiter angeboten werden, wenn eine endoskopische Resektion nicht möglich ist.
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