Ziel: Aufgrund zahlreicher Lebensmittelskandale, die im Jahr 2000 ihren Höhepunkt in der BSE-Krise fanden, ordnete die Europäische Union (EU) das gemeinsame Lebensmittelrecht neu und übertrug die staatliche Primärverantwortung auf den Privatunternehmen der Lebensmittelkette. Infolgedessen führten Primärproduzenten, Futtermittel- und Lebensmittelhersteller sowie Lebensmitteleinzelhändler verschiedene private Qualitätssicherungssysteme, wie z. B. das QS-System ("geprüfte Qualitätssicherung") oder den IFS (International Food Standard) ein. Private Qualitätssicherungssysteme zielen primär darauf ab, Rückverfolgbarkeit und Lebensmittelsicherheit zu garantieren, das Konsumentenvertrauen wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten um schließlich den Markt für Lebensmittel zu stabilisieren. Da bisher keine empirischen Daten bez. Kosten und Nutzen, d. h. Zielerreichung privater Qualitätssicherungssysteme vorliegen, ist die vorliegende Arbeit "Benchmarking ausgewählter Qualitätssicherungssysteme der Fleischkette - eine vergleichende Kosten-Nutzen-Analyse" dieser Fragestellung gewidmet.
Methode: Um sich der oben genannten Fragestellung wissenschaftlich angemessen zu nähern und aufgrund der Schwierigkeit Kosten und Nutzen privater Qualitätssicherungssysteme zu identifizieren und insbesondere zu quantifizieren, wurde die Methode der Fallstudienforschung angewendet. Es wurden Repräsentanten fast aller Anspruchsgruppen der Fleischkette in Form von Experteninterviews befragt: 2 Futtermittelhersteller, 1 Transportunternehmen, 6 Primärproduzenten, 6 Schlacht- und Zerlegeunternehmen, 2 Fleischverarbeitungsunternehmen und 3 Metzgerbetriebe. Drei private Qualitätssicherungssysteme, das QS-System, der IFS und das regionale Herkunftsprogramm "Geprüfte Qualität - Hessen" wurden vergleichend betrachtet.
Ergebnisse: Die Anspruchsgruppen der Fleischkette implementierten das QS-System und den IFS überwiegend, um die Anforderungen ihrer Kunden zu erfüllen und so den Markt abzusichern. Das regionale Herkunftsprogramm dahingegen wurde von Primärproduzenten und Metzgern eingeführt, um sich von Wettbewerbern zu differenzieren und einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Die Implementierung des QS-Systems auf der Stufe der landwirtschaftlichen Erzeugung wurde durch Anreizsysteme der Schlacht- und Zerlegeunternehmen (wie z. B. Preisaufschlag) oder durch staatliche Förderprogramme vorangetrieben. Daraus resultiert, dass in der Implementierungsphase die Einführung des QS-Systems zu Gunsten der Primärproduzenten und zu Lasten der Schlacht- und Zerlegeunternehmen verläuft. Für die Stufe der Primärproduzenten konnte daher ein positiver Kosten-Nutzen-Koeffizienten bestimmt werden. Darüber hinaus konnten am Beispiel der Stufen Primärproduktion sowie Schlachtung und Zerlegung Betriebsgrößeneffekte nachgewiesen und weitere Einflussfaktoren bez. der Kosten und des Nutzens privater Qualitätssicherungssysteme identifiziert werden (z. B. Anzahl der Betriebsstätten, die Anzahl unterschiedlicher Qualitätssicherungssysteme). Die Betrachtung der gesamten Lebensmittelkette ermöglicht zudem die Beurteilung, wie sich private Qualitätssicherungssysteme auf die Transaktionskosten auswirken: Durch die Co-Existenz und Nachfrage nach verschiedenen privaten Qualitätssicherungssystemen leisten diese bisher kaum einen Beitrag dazu, Mehrfachaudits, Mehrfachkosten und damit Transaktionskosten zu reduzieren.
Schlussfolgerungen: Um die Effizienz privater Qualitätssicherungssysteme zu steigern, ist die Harmonisierung bzw. die gegenseitige Anerkennung der zahlreichen privaten Qualitätssicherungssysteme voranzutreiben. Private Qualitätssicherungssysteme sollten nicht als Wettbewerbsfaktor betrachtet werden. Sie sollten wettbewerbsneutral sein und allein der Vermeidung lebensmittelbedingter Erkrankungen (wie z. B. der Salmonellose), der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des Konsumentenvertrauens und damit der Marktstabilisierung dienen. Der monetäre Wert eines vermiedenen öffentlichen Warenrückrufs und Lebensmittelskandals lässt sich zumindest für börsennotierte Unternehmen anhand der Aktienkursentwicklung messen.
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