Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie relevant die frühe Mutter-Kind-Interaktion für die kognitive Entwicklung vom Säuglings- bis zum Kleinkindalter ist. Die Literaturrecherche ergab, dass die mütterliche Variabilität und Reaktivität bzw. die mütterliche Steuerung, der negative Affektausdruck und die Reaktivität des Kindes als besonders entwicklungsförderlich angenommen werden können. Sowohl mütterliche als auch kindliche Interaktionsmerkmale wurden jedoch bisher selten in einer Studie gemeinsam untersucht. Ebenso gibt es nur wenige Studien, die zusätzlich Moderatorvariablen einbezogen haben. Hier wurden frühkindliche Temperamentsmerkmale, das Geschlecht des Kindes und die mütterliche Neigung zur Depressivität / Ängstlichkeit berücksichtigt. Längsschnittlich untersucht wurden in der vorliegenden Studie 64 gesunde, unauffällige Mutter-Kind-Paare im Alter der Kinder von vier, acht, zwölf und 30 Monaten. Pro Erhebungszeitpunkt fanden drei Untersuchungstermine statt. Es fanden zwei Hausbesuche am Vor- bzw. Nachmittag statt, an denen u. a. die Verhaltensbeobachtungen durch unabhängige Rater in Anlehnung an die Mannheimer Beobachtungsskalen zur Analyse der Mutter-Kind-Interaktion durchgeführt wurden. Beim Labortermin wurde außerdem der kognitive Entwicklungsstand des Säuglings bzw. Kleinkindes anhand der Bayley Mental Scale erhoben. Die der Studie zugrunde liegenden Daten wurden im Rahmen der Längsschnittstudie Untersuchung zum Konstrukt des frühkindlichen Temperaments in der Säuglingszeit unter Leitung von Frau PD Dr. Pauli-Pott und Herrn Prof. Dr. Beckmann erhoben.Die Frage, welche Mutter-Kind-Interaktionsmerkmale für die kognitive-sprachliche Entwicklung bis ins Kleinkindalter besonders bedeutsam sind, muss für die verschiedenen Interaktionsmerkmale differenziert beantwortet werden. Signifikant positive Zusammenhänge fanden sich für die kindliche Reaktivität und Kontingenz sowie für den frühen negativen Affektausdruck des Säuglings. Von den mütterlichen Interaktionsvariablen korrelierte das mütterliche Steuerungsverhalten signifikant positiv mit dem 30-monatigen kognitivsprachlichen Entwicklungsstand. Signifikant negative Zusammenhänge fanden sich zwischender negativen Gestimmtheit des 30 Monate alten Kindes und seiner sprachgebundenen kognitiven Entwicklung.Die Veränderung des kognitiven Entwicklungsstandes vom Säuglings- zum Kleinkindalter ließ sich über das Interaktionsmerkmal negativer Affektausdruck des viermonatigen Säuglings und tendenziell über die zwölfmonatige Reaktivität des Kindes vorhersagen.Mädchen erreichten (tendenziell) höhere kognitiv-sprachliche Entwicklungsindizes als Jungen und profitierten besonders von einem einfühlsamen, ihre Signale positiv beantwortenden mütterlichen Verhalten. Die Jungen profitierten demgegenüber von einem abwechslungsreichen und variabel gestalteten mütterlichen Verhalten.Selten positiv gestimmte Säuglinge profitierten in ihrer kognitiven Entwicklung besonders von einem abwechslungsreichen und einfühlsamen mütterlichen Verhalten und selten negativ gestimmte Säuglinge profitierten besonders von einem kontingenten, die Verhaltensweisen des Kindes angemessen beantwortenden mütterlichen Verhalten.Von den Interaktionseffekten konnte die viermonatige mütterliche Variabilität zusammen mit dem Geschlecht des Kindes, aber auch zusammen mit dem frühkindlichen Temperamentsmerkmal positive Emotionalität, den Verlauf der kognitiven Entwicklung bis ins Kleinkindalter prognostizieren.Die im Alter von 30 Monaten erfasste mütterliche Depressivität / Ängstlichkeit zeigte sich tendenziell negativ mit dem kognitiven Entwicklungsstand des Kindes im Alter von 30 Monaten assoziiert. Signifikant negative Zusammenhänge zeigten sich für den sprachgebundenen kognitiven Entwicklungsstand des 30 Monate alten Kindes. Die Ergebnisse zeigen, dass es nicht ein bestimmtes Interaktionsmerkmal gibt, welches für die frühe kognitiv-sprachliche Entwicklung wichtig ist, sondern dass zu verschiedenen Zeitpunkten ganz unterschiedliche Mutter-Kind-Interaktionsmerkmale bedeutsam werden. Die Bedeutsamkeit der Mutter-Kind-Interaktionsmerkmale für die kognitiv-sprachliche Entwicklung wird außerdem von weiteren Variablen, wie z.B. dem Geschlecht und Temperament des Kindes, mitbestimmt.
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