Möglichkeiten und Grenzen theaterpädagogischer Methoden in der Ernährungsberatung in Gruppen : "Ernährung und Körper, das ist immer auch mit Stress verbunden. Und Theater [...] nimmt dem ein bisschen den Stress und das Gemeine"

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Der aktuelle Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung macht erneutdeutlich, dass Übergewicht und Adipositas zentrale Gesundheitsprobleme in Deutschland sind (DGE 2012). Bundesweit sind 60% der Männer und 43% der Frauen übergewichtig, obwohl die Menschen noch nie so gut über Ernährung informiert waren wie heute. Übergewicht und Adipositas haben negative Folgen für das soziale Leben, die Lebensqualität und stehen im Zusammenhang mit Erkrankungen, wie Diabetes mellitus Typ II, Herz-Kreislauf-Krankheiten, und der Entstehung mancher Krebsarten. Die Ernährungsberatung steht vor der Schwierigkeit, ihre Ratsuchenden zu befähigen, die Diskrepanz zwischen dem Wissen über gesunde Ernährung und dem alltäglichen Ernährungshandeln zu üb erwinden. Häufig werden dazu in abstrakter und modellhafter Weise ernährungsphysiologische Erkenntnisse vermittelt und die gesundheitsgefähr¬denden Folgen über Statistiken aufgezeigt (MENZEL, KESSNER, FLOTHKÖTTER 2009,2f). Eine solche überwiegend kognitive Informationsvermittlung kann zwar das Ernährungsissen verbessern, ist jedoch wenig verhaltenswirksam (HAHNE 2011,417). Bei der aktuellen Beratungsarbeit bleibt die Beschäftigung mit dem eigenen Körper und den damit verbundenen Emotionen häufig ausgeklammert, da Emotionen nur wenig als verhaltensmodifizierende Stimuli wahrgenommen werden. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Forschungsarbeit, inwiefern theaterpädagogische Methoden im Rahmen von Gruppenberatungsprozessen dazu beitragen, Ernährungsgewohnheiten kritisch zu hinterfragen und Impulse zur Verhaltensänderung zu setzen. Zu Beginn der Arbeit wurde die aktuell eher kognitiv ausgerichtete Beratungsmethodik der Ernährungsberatung kritisch hinterfragt und neue Anforderungen an eine interdisziplinär ausgerichtete Ernährungsberatung formuliert. Das Konzept der Theaterpädagogik wurde einer theoretischen Betrachtung unterzogen und die Darstellung der vielfältigen Methoden ermöglichte es, Anknüpfungspunkte für das Anwendungsfeldder Ernährungsberatung in Gruppen aufzuzeigen. Aus den theoretischen Überlegungen ergab sich die Forderung, die bisherigen Erkenntnisse mit den Einschätzungen von Fachexperten (hier: Theaterpädagogen) abzugleichen. Als Experten wurden die Personen definiert, die a) theaterpädagogisch arbeiten und die b) die Methoden des Theaters der Unterdrückten in der Praxis anwenden. Auf Basis des empirischen Datenmaterials (8 leitfadengestützte Experteninterviews) erfolgte eine qualitative Inhaltsanalyse nach MAYRING (2010) unter Hinzuziehung der methodischen Anleitung von GLÄSER und LAUDEL (2010). Die Ergebnisse belegen, dass eine theaterpädagogische Beratungsarbeitzum Thema Übergewichtigkeit auf die Stärkung des Individuums abzielt, die Bearbeitung von Vor-und Nachteilen des eigenen Körpergewichts ermöglichen sowie den Umgang mit Vorurteilen anderer Menschen thematisieren sollte. Weitere Zielvorstellungen sind die Identifizierung und szenisch-theatrale Bearbeitung typischer ungünstiger Esssituationen, eigener Wünsche, Bedürfnisse sowie Barrieren für die Veränderung des eigenen Essve rhaltens. Auf Basis der empirischen Erkenntnisse wurde ein theaterpädagogisches Anwendungs¬modell (Workshop GegenGewicht) für die praktische Beratungsarbeit konzipiert und mit fünf Studierenden (Einschlusskriterium BMI > 25) der Justus-Liebig-Universitä t Gießen erprobt. Im Rahmen einer anschließenden Fokusgruppendiskussion wurd en die angeleiteten Übungen von den Stud ierenden bewertet. Methoden des Kreativen Schreibens wurden als Einstiegselemente zur Beschäftigung mit dem Thema Übergewichtigkeit als sinnvoll beurteilt, da sie nichtkörperliche aber emotionale Arbeits¬methoden darstellen. In der Hauptphase ermöglichte die Übung Raumlauf Hunger¬zustände das emotionale und körperliche Erleben bei Hunger und Sattheit und die Übung Das Schöne an mir verhalf zum (Wieder)Entdecken von liebsamen Körperpartien. Über Individual- und Gruppenstandbilder wurde die Haltung der Teilnehmer zu sich selbst, zu anderen und zu relevanten Ernährungsthemen (z.B. Schönheitswahn) sichtbar gemacht. Die als Kernaufgabe verstandene Übung schwierige Alltagssituationen erlaubte es, tatsächlich erlebte, ungünstige (Ess)Situation (z.B. Essen vor dem Fernseher) nachträglich zu korrigieren bzw. als Vorgriff auf eine zu erwartende ähnliche Situation zu optimieren. Durch die Kombination aus kognitiver Selbstbefragung und körperlicher Darstellung förderten alle angeleiteten Methoden die Beschäftigung mit dem eigenen Ich, den Humor und stärkten zudem das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe. Die angeleiteten theaterpädagogischen Methoden hatten Auswirkungen sowohl auf der kognitiven, als auch auf der emotional-körperlichen Verhaltensebene der Teilnehmer, da sie in einem wiederkehrenden Prozess von Ausprobieren, Zeigen/Zuschauen und Reflektieren stattfanden. Neue Verhaltensweisen wurden erarbeitet, im Tun körperlich und emotional erlebt und im Anschluss kognitiv beurteilt. Die vorliegende Arbeit konnte zeigen, dass der Einsatz theaterpädagogischer Methoden in der Gruppenberatung von übergewichtigen Ratsuchenden möglich ist und aus Sicht der Experten und der Zielgruppe positiv bewertet wird. Eine theaterpädago gische Beratungs¬arbeit erfordert von den Teilnehmern Offenheit und Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Sie sollten in der Regel freiwillig teilnehmen, eigenverantwortlich agieren und psychisch stabil sein. Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung im Anwendungsfeld der Ernährungsberatung sind ein an die Teilnehmerzahl angepasster, störungsfreier Raum, der eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre ermöglicht und ausreichend Zeit (mind. 90 Minuten). Der wichtigste Erfolgsfaktor ist jedoch die Ernährungsberaterin selbst, die folgende Voraussetzungen erfüllen sollte: Besitz einer eigenen Spielfreude, Methodenkompetenz (Theaterpädagogik, Gruppendynamik), Planungs-, Handlungs-und Reflexionskompetenz, geistige und körperliche Präsenz und eine wertschätzende Haltung gegenüber den Teilnehmern. Gefahren ergeben sich aus der mangelnden Professionalität auf der Ebene der Gruppendynamik, aus dem u.U. eingeschränkten Repertoire theaterpädagogischer Übungen und aus der Unsicherheit im Umgang mit Emotionen. Werden diese Gefahrenpunkte berücksichtig, ist die Integration theaterpädagogischer Methoden z.B. in das Kursprogramm zur Gewichtsreduktion der Krankenkassen (Individueller Ansatz) möglich. Ebenso können Beraterinnen in Beratungsnetzwerken (z.B. Dr. Ambrosius) ihr Methodenrepertoire durch Aneignung entsprechender Fachkenntnisse erweitern und somit ihre Gruppenberatung um körperlich¬emotionale Arbeitsmethoden ergänzen. Die Einbindung theaterpädagogischer Methoden in Konzepte der Erwachsenenbildung (z.B. Food Literacy) ist ebenfalls denkbar und empfehlenswert.

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Erstpublikation in

Giessen : VVB Laufersweiler

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