In dieser Arbeit wird die Existenz sozialer Milieus im wiedervereinten Deutschland untersucht. Die Frage ist zum ersten, inwieweit die traditionellen sozialen Milieus, die im Kaiserreich und in der Weimarer Republik entstanden, noch existieren, zum zweiten, ob neue soziale Milieus entstanden sind und letztlich inwieweit soziale Milieus dazu beitragen können, Wahlverhalten in Deutschland zu erklären.
Ausgangspunkt der Arbeit sind die traditionellen Milieus von Lepsius und wie diese sich im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und nach 1945 entwickelt haben. Diese Milieus sind über die letzten Dekaden eindeutig geschrumpft und haben somit an ihrer Bedeutung verloren haben. Um mögliche neue Milieus zu finden wird der Lebensstilansatz verwendet, da die Meinung vertreten wird, dass Lebensstile die Bevölkerung moderner Gesellschaften differenzierter wiederspiegelt als andere sozialstrukturelle Kategorien. Lebensstilgruppen und soziale Milieus werden jedoch nicht als äquivalent betrachtet; Lebensstilsgruppen können sowohl existierende soziale Milieus wie auch eventuelle neue soziale Milieus reflektieren.
Der Rückgang der traditionellen sozialen Milieus und die Entstehung differenzierter Lebensstilgruppen wird oft als Konsequenz der Individualisierung gesehen die wiederum eng mit sozioökonomischen Änderungen sowie dem Wertewandel zusammenhängt. Die wichtigsten Entwicklungen in diesen Bereichen werden dargestellt auch um zu zeigen, wie unterschiedlich die Bedingungen in den neuen und alten Ländern waren bzgl. der Fortsetzung der traditionellen sozialen Milieus und darauf bezogenen Konfliktlinien sowie die Entstehung neuer sozialer Milieus mit anderen Konfliktstrukturen.
Aufgrund der unterschiedlichen sozioökonomischen Transformationen in der Nachkriegszeit wird erwartet dass sich die alten und neuen Länder bzgl. der Existenz sozialer Milieus unterschieden. Die Hypothesen sind 1. Ein religiöses Milieu existiert im Westen, charakterisiert durch einen traditionellen und religiös-orientierten Lebensstil, religiöse Zugehörigkeit und Kirchgangshäufigkeit, Mitgliedschaft in religiösen Organisationen, Interessenrepräsentation durch die Kirchen und eine Parteipräferenz für die CDU/CSU. In den neuen Ländern wird die Existenz eines solchen Milieus nicht erwartet. 2. In den alten Ländern existiert ein Arbeitermilieu gekennzeichnet durch einen arbeits-orientierten Lebensstil, Arbeiter, Mitgliedschaften in Gewerkschaften, Interessenrepräsentation durch die Gewerkschaften und Parteipräferenz für die SPD. Auch ein Arbeitermilieu wird in Osten nicht erwartet 3. Weiter wird die Existenz eines grünen Milieus mit einem ausbildungsorientierten Lebensstil, post-materialistische Werte, Mitgliedschaften in Studenten und/oder alternative politische Organisationen, Interessenrepräsentation durch Umweltorganisationen und eine Parteipräferenz für Bündnis90/die Grünen in Westen erwartet, aber nicht in Osten. 4. In Osten wird jedoch die Existenz eines typisch ostdeutschen Milieus angenommen welches durch Linksorientierung, Mitgliedschaften in politische Organisationen und oder Studentenorganisationen und sowohl Interessenrepräsentation wie auch Parteipräferenz für die PDS gekennzeichnet ist. 5. Letztlich wird sowohl in den neuen wie alten Bundesländern die Existenz eines unpolitischen Milieus erwartet welches durch Passivität, niedrigen sozialen Status, fehlende Interessenrepräsentation und Nichtwahl gekennzeichnet ist.
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