Idylle in Arkadien? Mairet und die französische Pastorale im 17. Jahrhundert
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Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit widmet sich der Analyse von zwei Hirtenspielen "Sylvie" und "La Silvanire, ou la morte vive" des französischen Bühnenautors Jean de Mairet. Die Pastoralen gehören einer Gattung an, die am Anfang des 17. Jahrhunderts sich einer besonders großen Popularität erfreut haben. Eingeschrieben in die lange Tradition der Arkadienkonzeption, stellen sie meist das idyllische Leben geistreicher Hirten dar, deren einzige Beschäftigung das Singen und Dichten ist. Die von den Hirten bewohnte Idylle fungiert als Opposition zu jenem zivilisatorischem Universum, das unausweichlich mit höfischen Merkmalen konnotiert wird. Diese Arbeit hat sich zur Aufgabe gemacht, die diese Gattung konstituierenden Elemente, wie z. B. die Liebesfreiheit, Naturdarstellung und Illusion in Mairets Werk auf ihre Übereinstimmung mit der bukolischen Tradition hin zu überprüfen.Die Untersuchung dieser Motive zeigt, dass der Autor in seinen beiden Pastoralen mehr oder weniger stark von der Darstellungsform der typischen Idylle abweicht. So herrscht in dem Stück "La Silvanire" keine wirkliche Liebesfreiheit, die für die arkadische Lebensweise bezeichnend ist. Es wird offensichtlich, dass die Figuren in einer von Regeln und Gesetzen geprägten Ordnung agieren, aus der es lediglich der Figur des Hylas gelingt zu entkommen. Jedoch auch seine Flucht scheint eine bedingte zu sein, denn Mairet reduziert die Figur des traditionsreichen Libertins auf die äußere Hülle. Nichtsdestotrotz ist Hylas die einzige Figur, die sich den Zwängen entzieht, indem sie sich von dem von der Gesellschaft aufoktroyierten Ehrbegriff distanziert. Er plädiert gegen die beiden Antagonistinnen der ungezwungenen Liebe, die Ehre und die Beständigkeit, und fungiert in der Hirtengemeinschaft als deren Gegenpart, indem er ihre künstlich auferlegten Gesetze demaskiert.Anders verhält es sich mit den Figuren in "La Sylvie", die nicht viel von der platonischen Liebeskonzeption verstehen. Diese Pastorale ist in einer sinnlichen und natürlichen Stimmung gehalten. Das liebende Paar lebt und liebt in gegenseitigem Einverständnis. Aber auch in diesem noch an die traditionelle Bukolik erinnerndem Universum gibt es gesellschaftliche Zwänge, die das Verhalten der Figuren reglementieren. Trotz allem streben sie nach einer realistischen Befreiung aus den Ketten der antithetischen Welten, aus denen sie stammen, auch wenn am Ende doch das "verlogene", höfische Leben siegt.Auch die Untersuchung hinsichtlich der Funktion der Nautur hat deutliche Unterschiede innerhalb der beiden Pastoralen aufgedeckt, beide jedoch weichen von der bukolischen Tradition ab. In "La Sylvie" ist die Natur vordergründiger und natürlicher. Die Figuren empfinden mit ihr und durch sie wie durch ein Prisma. Sie verkörpert das Glück der Liebenden und dient ihnen als ein entsprechend reizvoller Lagerplatz, an dem sie sich ungestört und ungesehen vom Rest der Gemeinschaft treffen können. In der zweiten Pastorale übernimmt die zurückhaltender wirkende Natur diese Funktion nicht mehr. Sie dient den Klagenden lediglich als ein mitfühlendes Wesen, als ein stummer Zuhörer und kühler Ort für die Rast, sie kommt in der Funktion der reizvollen, zur Liebe einladenden Natur in diesem von platonischen Gedanken geprägten Stück nicht zur Geltung. Deshalb wirkt die Natur in "La Silvanire" viel gedämpfter. Sie ist sparsam mit ihren akustischen und optischen Reizen und entfaltet sich nur bedingt zu einer die Liebe widerspiegelnden Kulisse. Deutlich herausgestellt, vor allem im ersten Stück, ist der Topos der Natur als Gegensatz zur Stadt. Indem Mairet die Natur als Quell der Unschuld und des glücklichen Lebens im Gegensatz zur Stadt bzw. zum Hof als Sinnbild des Lasters hervorhebt, entscheidet er sich für den Weg zur Natur als einzig mögliche Daseinsform des Menschen.Es wird deutlich, dass die in Mairets dargestellte Welt kein Abglanz des Goldenen Zeitalters mehr ist. Sie ist nunmehr eine Hölle, die die Figuren voller Verzweiflung und Zweifel zu einem Paradies hochstilisieren. Bei Mairet wird die Grenze zwischen dem Hirtenparadies und der Außenwelt mit all ihren Lastern längst durchlässig. Seiner Hirtengemeinschaft bleibt Eifersucht, Gewalt und Gier nicht mehr erspart. Deshalb erlaubt die Pastorale Mairets Zeitgenossen eine Flucht in die idyllische Wunschwelt nur bedingt. Denn dort treffen sie auf ähnliche Verhältnisse, wie sie in ihrer Realität vorherrschen, nur dass deren adlige Akteure Schäferkleider tragen.Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen
Beschreibung
Anmerkungen
Erstpublikation in
Hamburg, Universität, Institut für Romanistik, Magisterarbeit 2001
