Untersuchungen zum genetischen Hintergrund von Temperament und Umgänglichkeit bei Mutterkühen und Kälbern der Rassen Dt. Angus und Dt. Fleckvieh anhand der Validierung von geeigneten Testverfahren
Die vorliegende Untersuchung hatte zum Ziel, Unterschiede in Temperament und Umgänglichkeit von Fleischrindern der Rassen Dt. Angus und Dt. Fleckvieh in Mutterkuhhaltung aufzuzeigen, hierfür geeignete, praktikable Testmethoden zu entwickeln, wobei es unter anderem darauf ankam, einen frühen Lebensabschnitt zu finden, ab dem mit einer konstanten Ausprägung der Temperamentsmerkmale der Rinder zu rechnen ist. Darüber hinaus sollte der genetische Hintergrund der Parameter Temperament und Umgänglichkeit anhand von Heritabilitätsschätzungen evaluiert werden um Aussagen über eine mögliche Einbindung in Zuchtprogramme anstellen zu können.
Die Studie wurde an Tieren der Mutterkuhherde des Lehr- und Versuchsbetriebs Rudlos in den Jahren 2000 und 2001 durchgeführt. Hierfür standen Mutterkühe der Rassen Dt. Angus (n = 150) und Dt. Fleckvieh (n = 123) sowie deren 482 Reinzuchtkälber zur Verfügung. Die Kühe wurden in jeweils fünf etwa gleich große Zuchtgruppen aufgeteilt, wobei in zwei Jahren sechs Dt. Angus- und sieben Dt. Fleckviehbullen zum Zuchteinsatz kamen. 38 weibliche Tiere beider Rassen standen für eine Langzeitstudie bis zum Alter von 21 Monaten zur Verfügung.
Die Testverfahren zur Evaluierung der Temperamentsmerkmale wurden in verschiedenen Altersabschnitten mit und ohne Fixierung der Tiere durchgeführt. Es wurden Anbinde-, Wiege-, Separier- und Rückhaltetests sowie Messungen der Fluchtzeiten und distanzen durchgeführt. Die Mutterkühe wurden zudem auf ihr mütterliches Verhalten, im Sinne einer Verteidigungsbereitschaft für das junge Kalb gegenüber dem Menschen, geprüft.
In allen angewandten Testverfahren erwiesen sich weibliche Tiere durchwegs als erregbarer und somit schwieriger im Umgang mit dem Menschen als männliche Probanden. Dt. Anguskälber und absetzer waren stets ruhiger als Vertreter der Vergleichsrasse Dt. Fleckvieh, wobei sich fast immer ein deutlicher Vatereffekt abzeichnete.
Erste Hinweise auf die Temperamentsausprägung lieferte der Anbindetest ab der dritten Lebenswoche des Kalbes. Die Heritabilitätskoeffizienten für Parameter dieses Testverfahrens lagen zwischen 0,01 und 0,17, wobei altersabhängige Unterschiede in den Erblichkeiten der verschiedenen Merkmale vorlagen.
Beim Wiegetest mit Ermittlung der Fluchtzeit wurden mittlere bis hohe Erblichkeitsgrade zwischen 0,23 und 0,60 geschätzt, die die Temperamentsmerkmale Verhalten in der Waage und Fluchtzeit als gute und einfach, auch bei jüngeren Tieren durchführbare Selektionsparameter empfehlen. Voraussetzung dafür ist, daß die Tiere noch keine früheren Erfahrungen mit der Wiegevorrichtung hatten und standardisierte Meßvorrichtungen zum Einsatz kommen.
Der Separier- und Rückhaltetest mit Ermittlung der Fluchtdistanz eignet sich besonders, um Tiere, die aggressiv auf den Kontakt mit dem Menschen reagieren, ausfindig zu machen. Er ist zwar erst nach dem Absetzen der Kälber praktikabel, allerdings scheinen die Temperamentsmerkmale der Tiere ab dieser Lebensphase konstant zu bleiben. Der Test könnte zu einer einfacheren Durchführung im Rahmen von Selektionsprogrammen auf die wichtigsten Parameter des Rückhaltetests, zu denen v.a. die Note für das Temperament des Absetzers zählt, gekürzt werden. Die Heritabilitätskoeffizienten zwischen 0,09 und 0,38 empfehlen auch diese Merkmale für eine Einbindung in Fleischrinderzuchtprogramme.
Die Fluchtdistanzmessung sollte entweder in einem eigenen Testverfahren ermittelt werden oder in geänderter Art und Weise durchgeführt werden.
Für die Parameter der verschiedenen Testverfahren mit und ohne Einschränkung der Bewegungsaktivität konnten, v. a. für die Verhaltensnoten, mittlere bis hohe genetische Korrelationen berechnet werden.
Mittlere negative genetische Korrelationen zwischen Merkmalen des Temperaments und den Tageszunahmen bis zum Absetzen (Zeit bis Ecke: r = -0,62; Score für Eintritt in die Waage: r = -0,30) bestätigen Literaturzitate, daß bei einer züchterischen Selektion auf bessere Temperamentseigenschaften keine Leistungseinbußen zu befürchten sind.
Der mütterliche Verhaltensscore für die Kuh steht in engem statistischen Zusammenhang zur generellen Erregbarkeit und dem Aggressionspotential der Mutterkuh als Reaktion auf den Umgang mit dem Menschen (Fluchtzeit: r = -0,28.; Aggressivität beim Rückhaltetest: r = 0,19; Verhaltensnote beim Separier- und Rückhaltetest: r = 0,26). Wiegetest mit Ermittlung der Fluchtgeschwindigkeit und der Rückhaltetest scheinen bereits im ersten Lebensjahr geeignete Testmethoden zu sein, Tiere ausfindig zu machen, die später als Mutterkuh eine Gefahr für den Menschen darstellen könnten.
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