Minimalinvasive endoskopisch gestützte Sterilisation männlicher Stadttauben (Columba livia forma urbana) als Maßnahme zur Populationsregulierung

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In der vorliegenden Arbeit sollten die Anwendbarkeit und die Wirksamkeit einer minimalinvasiven, endoskopisch gestützten Vasektomie männlicher Stadttauben (Columba livia forma urbana) als Methode für eine nachhaltige Bestandsregulierung untersucht werden. Es sollte nachgewiesen werden, ob bzw. wie sich die Sterilisationsmethode auf die Reproduktionsrate auswirkt, um die potenzielle Verwendung dieser Methode zur Erreichung des Fernziels einer tierschutzgerecht regulierten Taubenpopulation zu evaluieren. Der Vergleich zu nicht-invasiven Methoden der Fertilitätskontrolle sollte Teil der Betrachtung sein.Die Studie gliederte sich in einen Vor- und einen Hauptversuch. Im Vorversuch wurde zunächst unter kontrollierten Bedingungen untersucht, ob und wie sich die operative Sterilisation auf das Fortpflanzungsverhalten der Stadttauben auswirkte, um diese dann auf eine Anwendung im Feld zu übertragen. Fünf Versuchsgruppen à fünf Taubenpaaren wurden insgesamt jeweils acht Wochen vor und sieben Wochen nach der Sterilisation zweimal pro Tag je 30 Minuten beobachtet und die einzelnen Verhaltensweisen aller Tiere im Abstand von 2 Minuten protokolliert. In jeder Gruppe wurde bei Paar 1 Männchen und Weibchen sterilisiert, bei Paar 2 nur das Weibchen und bei Paar 3 nur das Männchen. Das vierte Paar war das Kontrollpaar und das fünfte Paar diente als Reservepaar und floss nicht in die spätere Auswertung mit ein. Die Zusammenstellung der Versuchsgruppen erfolgte nach statistischer Relevanz.Die Auswertung der Verhaltensbeobachtung zeigte, dass sich die Sterilisation nicht nachteilig auf das Balz-, Brut- und Paarungsverhalten der Tauben auswirkte. Lediglich bei den Männchen konnte eine Abnahme des Brutverhaltens sowie der Nestdemonstration nach der Sterilisation der Partnerin nachgewiesen werden. Sterilisierte Männchen blieben ihren Partnerinnen jedoch treu und verteidigten ihren Nistplatz weiterhin gegen Eindringlinge. Dies stellte eine wichtige Voraussetzung für die Anwendung der Sterilisation im Feld dar, da somit keine Lücken entstehen, die durch fremde Tauben von außerhalb aufgefüllt werden könnten. Es wurde außerdem festgestellt, dass auch sterilisierte Weibchen trotz fehlender Eiablage weiterhin normales Brutverhalten zeigten. Aufgrund dieser Beobachtungen wäre es zwar möglich gewesen im Hauptversuch beide Geschlechter zu sterilisieren, da sich die Sterilisation der Weibchen jedoch als deutlich aufwendiger und unsicherer erwiesen hatte und Stadttauben generell monogam sind, wurde entschieden für die Überprüfung der Wirksamkeit im Feld nur die männlichen Tiere zu sterilisieren. Hier fiel außerdem der Einfluss der Sterilisation auf das Fortpflanzungsverhalten deutlich geringer aus als bei den Weibchen. Zusätzlich werden Zeit und Kosten gespart, da der operative Eingriff mit dem gleichen Erfolg an der kleinstmöglichen Anzahl an Tieren durchgeführt werden kann und damit so wenige Tiere wie möglich der Belastung eines operativen Eingriffs ausgesetzt werden müssen.Im anschließenden Hauptversuch wurden 523 Tauben im Stadtgebiet Bern mit einem Fangkorb gefangen, endoskopisch untersucht und die männlichen Tiere (n = 252) sterilisiert. Die Sterilisation erfolgte unter Isofluran-Inhalationsnarkose, bilateral unter Verwendung einer starren Hopkins® 30° Vorausblick-Optik (Durchmesser 2,7 mm, Länge 18 cm), einem Untersuchungsschaft (14,5 Charr., Länge 14 cm) und einer flexiblen Biopsiezange (5 Charr., Länge 34 cm), die über den Instrumentenkanal des Untersuchungsschafts eingeführt wurde. Auf beiden Seiten wurde etwa 1 cm des Samenleiters entfernt. Sowohl Weibchen als auch sterilisierten Männchen wurde zur eindeutigen Identifikation ein Transponder in den linken Brustmuskel implantiert. Außerdem wurden die Tauben geschlechtsspezifisch mit einem schwarzen Ring (Weibchen rechts, Männchen links) mit individueller Nummer beringt. Die endoskopische Sterilisation der männlichen Stadttauben verlief grundsätzlich ohne größere Komplikationen. 94,05% der sterilisierten Männchen erholten sich schnell und komplikationslos, 5,95% (15 von 252) starben als Folge von Verletzungen des Harnleiters bzw. inneren Blutungen innerhalb der ersten zehn Tage nach der Operation oder an plötzlichem Atemstillstand während der Narkose. Die Dauer der Narkose betrug bei adulten Männchen im Durchschnitt 22,7 ± 5,8 Minuten, bei juvenilen Männchen 21,7 ± 4,0 Minuten, wobei die Operationsdauer mit zunehmender Übung der Operateurin deutlich abnahm.Die sterilisierten Tauben wurden zusammen mit fertilen Weibchen in zwei neu installierten Taubenschlägen angesiedelt und die gelegten Eier einmal pro Woche auf Fertilität untersucht und markiert. Als Kontrolle diente ein Schlag mit zehn nicht sterilisierten Taubenpaaren. In beiden Versuchsschlägen konnten jeweils etwa 10-15% der ursprünglich eingesetzten Tauben dauerhaft angesiedelt werden. Insgesamt wurden in beiden Schlägen über den Zeitraum von Mai (Schlag Schosshaldenstraße ) bzw. September 2012 (Tierparkschlag) bis Februar 2013 563 Eier gelegt. Davon waren insgesamt fünf Eier (von drei verschiedenen Paaren) befruchtet. Dies entspricht einer Befruchtungsrate von 0,89%. In einer endoskopischen Nachuntersuchung der Männchen der entsprechenden Paare konnte bei allen Täubern die erfolgreiche Sterilisation bestätigt werden. Daher wird vermutet, dass sich die Weibchen entweder mit einem fremden fertilen Männchen gepaart haben oder die sterilisierten Männchen noch eine gewisse Zeit nach der Sterilisation, aufgrund von im kaudalen Teil des Samenleiters verbliebenen Spermien, befruchtungsfähig blieben. Im Kontrollschlag wurden von Juni 2012 bis Februar 2013 39 Eier gelegt. Hier betrug die Befruchtungsrate 100%. Obwohl die chirurgische Sterilisation im Vergleich zu nicht-invasiven Methoden, wie dem Austausch der Eier gegen Ei-Attrappen, Reduktion des Nahrungsangebotes oder der chemischen Sterilisation, mit einem größeren zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden zu sein scheint, hat sie gegenüber diesen wesentliche Vorteile: der Eingriff muss pro Tier nur einmalig durchgeführt werden, die Sterilität hält danach lebenslang an, die Befruchtungsrate der Eier kann um fast 100% gesenkt werden und es können auch solche Tauben kontrolliert werden, die sich nicht in Schlägen ansiedeln lassen.Die Anwendung der endoskopischen Sterilisation männlicher Stadttauben hat sich im Feldversuch bewährt. Mit dem geeigneten endoskopischen Zubehör und einem mit der Technik der Endoskopie vertrauten Chirurgen hat sich die chirurgische Sterilisation als sichere und tierschutzgerechte Methode erwiesen. Ob es auf diese Weise möglich ist eine langfristige und nachhaltige Bestandsregulierung sicherzustellen, kann jedoch erst nach einer mehrjährigen Anwendung überprüft werden. Insgesamt erscheint die Eingliederung der endoskopisch gestützten Vasektomie in Taubenkonzepte von Städten jedoch sehr erfolgversprechend.

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Giessen : Laufersweiler

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