Das komplexe Geschehen des Ernährungsverhaltens - Erfassen, Darstellen und Analysieren mit Hilfe verschiedener Instrumente zum Umgang mit Komplexität : (Nutrition-ecological Modeling, Sensitivitätsmodell und Cross-Impact-Bilanzanalyse)
Das Ernährungsverhalten ist für die hohe Prävalenz ernährungsabhängiger Erkrankungen von zentraler Bedeutung. Bisherige Maßnahmen zur Veränderung des Ernährungsverhaltens zeigen häufig nicht den erhofften Erfolg. Dies kann teilweise auf die Komplexität des Themas zurückgeführt werden. Auch wenn häufig in der Literatur beschrieben ist, dass das Ernährungsverhalten komplex ist, wird dem selten Rechnung getragen. An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an, indem drei Instrumente zum Umgang mit Komplexität im Bereich Ernährung erprobt werden. Durch die Anwendung dieser Instrumente sollen das Systemverständnis für das komplexe Geschehen des Ernährungsverhaltens erhöht und aus systemischer Sicht erfolgversprechende Ansatzpunkte zur Veränderung des Lebensmittelverzehrs identifiziert werden.Dazu wird das Ernährungsverhalten als komplexes Geschehen erfasst, dargestellt und analysiert. Hierfür werden drei Instrumente zum expliziten Umgang mit Komplexität angewandt: Nutrition-ecological Modeling (NutriMod; entwickelt von Katja Schneider und Ingrid Hoffmann; in der vorliegenden Arbeit erweitert zu NutriMod+ST), Sensitivitätsmodell (SeMo; entwickelt von Frederic Vester) und Cross-Impact-Bilanzanalyse (CIB; entwickelt von Wolfgang Weimer-Jehle). Zum Erfassen werden, basierend auf einer grundlegenden Systembeschreibung, Einflussfaktoren auf den Lebensmittelverzehr auf einer aggregierten Ebene identifiziert und beschrieben sowie durch Zustände konkretisiert. Außerdem werden alle direkten kausalen Zusammenhänge zwischen den Zuständen der Faktoren in einer Einflussmatrix erfasst und durch Stärke und Typ konkretisiert. Die Darstellung erfolgt als zweidimensionales Ursache-Wirkungs-Modell und als Hyperlinkversion des Modells. Die Analyse besteht aus vier Teilen: konsistente Szenarien, Rückkopplungen, Rollen der Faktoren und Wirkungen von Impulsen.Das Ziel, das Systemverständnis für das komplexe Geschehen des Ernährungsverhaltens zu erhöhen, wird auf vier Ebenen erreicht. Bezüglich Faktoren des Ernährungsverhaltens (Ebene 1) liegt in der Literatur bereits Wissen vor, das in der vorliegenden Arbeit durch die Aggregation zu 19 Faktoren neu strukturiert wird. Wissen bezüglich Richtung, Stärke und Typ der direkten kausalen Zusammenhänge zwischen allen Faktoren (Ebene 2) wird anhand von Experteninterviews systematisch erhoben und zu einer Systemsicht integriert, da dieses Wissen in der Literatur bislang nicht vorliegt. Bezüglich des Zusammenspiels der direkten kausalen Zusammenhänge (Ebene 3) wird das Systemverständnis erhöht, indem Wirkketten, Rückkopplungen, Multikausalitäten und Nebenwirkungen aufgezeigt und analysiert werden. Außerdem wird das Systemverständnis durch die Darstellung und Beschreibung von 45 konsistenten Kombinationen von Faktorzuständen (Szenarien) erhöht (Ebene 4).Das Ziel, aus systemischer Sicht erfolgversprechende Ansatzpunkte zur Veränderung des Lebensmittelverzehrs zu identifizieren, wird anhand sich gegenseitig ergänzender Analysen erreicht. Insbesondere vier der 19 Faktoren sind aus systemischer Sicht erfolgversprechende Ansatzpunkte: Sozialisationsinstanz Familie, sozioökonomischer Status, soziale Identität und psychische Ressourcen. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass es nicht ausreicht, wenn Maßnahmen an einem dieser Faktoren ansetzen; vielmehr müssen die relevanten Faktoren parallel berücksichtigt werden.Das Ziel, NutriMod+ST, SeMo und CIB als Instrumente zum Umgang mit Komplexität im Bereich Ernährung zu prüfen, wird erreicht, indem Stärken und Schwächen der Instrumente diskutiert und die Instrumente anhand von Herausforderungen für den Umgang mit Komplexität bewertet werden. NutriMod+ST liefert insbesondere bei der Darstellung und durch die Berücksichtigung der Mehrdimensionalität einen besonderen Beitrag zum Umgang mit Komplexität. Allerdings fehlen automatisierte Analysemöglichkeiten. Das SeMo ermöglicht über die Systembeschreibung einen guten Einstieg ins Thema. Anhand der Analyse der Rollen der Faktoren können mit dem SeMo Ansatzpunkte zur Veränderung des Systems identifiziert werden, allerdings ohne die Berücksichtigung indirekter Zusammenhänge. Andere Schritte des SeMo, wie die Kriterienmatrix, bringen nur wenige Erkenntnisse. Die CIB ist insbesondere aufgrund der umfangreichen Erfassung der Zusammenhänge zwischen Zuständen von Faktoren sowie aufgrund der vielfältigen Analysemöglichkeiten zielführend beim Umgang mit Komplexität im Bereich Ernährung. Allerdings fehlt eine Möglichkeit der Darstellung eines komplexen Geschehens. Die Ergebnisse zeigen, dass jedes einzelne Instrument, aber insbesondere die Kombination der drei Instrumente dazu beiträgt, ein umfassenderes Bild des komplexen Geschehens des Ernährungsverhaltens zu erhalten.
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